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JÜDISCHES RECHT

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Rechtsgeschichte - Rezensionen - Rechtsentscheide

Rechtsgeschichte

Rezensionen

Hans-Georg von Mutius: Rechtsentscheide von Moses Nachmanides aus Gerona, Judentum und Umwelt Band 75, 76, und 77, Peter Lang Verlag, Frankfurt/Main, 1. Teil 2003 S. 128, 2. Teil 2003 S. 102, 3. Teil 2004 S. 120

Rezension: Dr. jur. Gabriel Miller


Erfreulicherweise hat Hans-Georg von Mutius seine Übersetzer- und Interpretiertätigkeit bezüglich der jüdischen mittelalterlichen Responsenliteratur fortgesetzt. Für Juristen, aber auch für Historiker wird so ein unerschöpflicher Schatz an Informationen zugänglich.

Fragt man nach den Quellen des jüdischen Rechts, gerät man unweigerlich in Erklärungsnot. Denn wie die israelitischen Stämme, die seit ihrer Konstituierung zu einem Volk und der Annahme des mosaischen Rechts im Laufe der dreitausendjährigen Geschichte viele Wanderungen und Wandlungen erfahren haben, musste sich auch das jüdische Recht den jeweiligen Veränderungen anpassen. Es sollte sich erweisen, dass die jüdische Gesellschaft, wo immer und wann immer sie existierte, ob in großen oder kleinen Verbänden, ein eigenes althergebrachtes Recht besaß, das seine Funktion voll erfüllte. Eine Frage, auf die die Gelehrten vermutlich nie eine einhellige Meinung finden werden, lautet: Hat das jüdische Recht den Erhalt der jüdischen Gemeinden (und somit den Erhalt des jüdischen Volkes) gesichert, oder war eher die jüdische Gemeinschaft der Garant für die Praktizierung und den Erhalt des jüdischen Rechts.

In der jüdischen Gemeinschaft galt und gilt, was Maimonides in der Einleitung zu seinem Gesetzeswerk (Mischne Tora) festgestellt hat, dass der Talmud für ganz Israel als Gesetzesquelle verbindlich ist. Da der Talmud aber bereits im 8. Jahrhundert abgeschlossen wurde, musste das für die jüdischen Gemeinden verbindliche Recht fortgesetzt und weiter entwickelt werden. Die Entwicklung ging in drei Richtungen:

Erstens: Auslegungen und Kommentare. Namhafte Gelehrte verfassten Kommentare zum Talmud, der für die nachtalmudischen Generationen immer schwieriger zu interpretieren war. Es entstand eine reichhaltige Sekundärliteratur, die noch immer fortgesetzt wird.

Als zweite Quelle der nachtalmudischen Zeit gelten die Sammlungen von Gesetzeswerken, die manchmal irrtümlich als Kodifikationen bezeichnet werden aber eigentlich Kompilationen sind, da sie das Bekannte systematisieren und ordnen und keine gesetzgebende Autorität besitzen. In diese Kategorie gehören auch Sammlungen von Urteilssprüchen einzelner als Richter fungierender Rechtsgelehrter.

Die dritte Quelle, auf die hier näher eingegangen werden soll, bilden die Responsen. Der Begriff selbst ist aus dem römischen Recht bekannt. Im 3. Jh. v. Chr. entwickelte sich in Rom eine eigenartige Form der Rechtsliteratur: Namhafte Juristen stellten Rechtsgutachten aus, die später gesammelt und veröffentlicht wurden (responsum libri). Solche Sammlungen gab es während der ganzen Blütezeit der römischen Rechtswissenschaft. Im Hebräischen nennt man solche Rechtsgutachten „Fragen und Antworten“ (sche’elot uteschuwot). Wie im römischen wurden auch im jüdischen Recht die Rechtsgutachten gesammelt und veröffentlicht. Seit dem Abschluss des Talmud, also in den vergangenen dreizehn Jahrhunderten, wurden über 3000 Sammlungen von verschiedenen Autoren veröffentlicht, die insgesamt ca. 300.000 einzelne Rechtsgutachten enthalten. Allein diese Zahlen verdeutlichen die Bedeutung der Responsen als, wie manche Gelehrte meinen, wichtigste nachtalmudische Quelle des jüdischen Rechts. Der größte Teil des Schrifttums, das als jüdisches Recht definiert wird, sind Responsen. Nicht nur quantitativ, auch vom Inhalt her ist dieser Quelle die größte Bedeutung zuzumessen.

Diese Feststellung bedarf einer Erörterung: Die Gesetzessammlungen und Rechtsbücher behandeln und analysieren die Normen aus einer eher theoretischen Betrachtungsweise. Demgegenüber nehmen die Responsen jeweils zu einer konkreten Frage Stellung und erörtern und klären diese auch jeweils in dem konkreten zeitlichen und gesellschaftlichen Kontext. Diese Vorgehensweise entspricht auch dem Geist (wenn man hier diesen Ausdruck gebrauchen darf) des jüdischen Rechts. Selbst der Talmud, dieses entscheidende und grundlegende Werk des jüdischen Rechts, ist zum größten Teil kasuistisch formuliert und orientiert sich in seinen Diskussionen am Einzelfall. Vielleicht ist das auch der Grund für die Skepsis und das Misstrauen, mit denen die meisten Rechtsgelehrten Gesetzessammlungen (wie auch der von Maimonides) zunächst begegneten. Das jüdische Recht neigt besonders zur Behandlung des Einzellfalls. Nicht die theoretische Erörterung oder die abstrakte Norm stehen im Mittelpunkt. Im Mittelpunkt steht die Gerechtigkeit, und diese lässt sich nur im individuellen Fall verwirklichen.

Die Rechtsgutachten zielten nicht immer auf die Klärung einer juristischen Problematik. Nicht selten ging es um Fragen, die sich aus der jeweiligen gesellschaftlichen, wirtschaftlichen, politischen, technischen Wirklichkeit ergaben, in der sich die fragende jüdische Gemeinde befand. Der überwiegende Teil der Responsen behandelt allerdings Rechtsprobleme. Jedoch enthalten diese auch unschätzbares Material an historischen Informationen, die für das Verständnis und die Erforschung der jüdischen Geschichte relevant sind. Dieses historische Material kann auch Aufschluss geben über so manchen weißen Fleck in der Geschichte der Völker, in deren Mitte die Juden lebten.

In Erkenntnis der Bedeutung der Responsen insbesondere für das Studium des jüdischen Rechts, für Historiker insgesamt, aber auch für die praktische Anwendung der Rechtsgutachten durch Rechtsgelehrte und Rabbiner, begann die Universität Bar-Ilan bei Tel Aviv vor 20 Jahren mit der Digitalisierung der umfangreichen Literatur. Fast 400 Bücher, beginnend mit Rechtsgutachten der Babylonischen Exilarchen des 8. Jahrhunderts und bis zur Gegenwart, wurden bereits auf einer CD gebrannt und es kommen jährlich noch weitere hinzu. Dieser umfangreiche Schatz von Informationen steht jetzt nicht mehr nur wenigen Gelehrten und in wenigen Bibliotheken, sondern jedem Interessierten zur Verfügung.

Hans-Georgnas-GeorgH von Mutius erwarb sich ebenfalls große Verdienste mit seinem Projekt, die Responsen dem deutschsprachigen Interessierten zu erschließen. Seit Jahren übersetzt er solche Sammlungen. Im letzten Jahr erschienen drei von ihm ins Deutsche übertragene Bücher von Rechtsgutachten des Rabbi Mosche ben Nachman, genannt Nachmanides, der in der ersten Hälfte des 13. Jh. in Spanien wirkte. In diesen Bänden fanden Entscheidungen aus fast allen Bereichen des Rechts Aufnahme, neben Fragen des Ehe- und Erbrechts, auch Entscheidungen zu Fragen der Zivilprozessordnung. Behandelt wurden auch ausführlich Rechtsfragen bei Auseinandersetzungen zwischen Juden und Nichtjuden und vieles mehr. Der Interessierte wird sicherlich von dem großen Fundus profitieren.

Besonders gelungen ist die Gestaltung der Inhaltsverzeichnisse. Eine prägnante Zusammenfassung des einzelnen Rechtsentscheids erleichtert die Suche nach der betreffenden Entscheidung. Der übersetzte Text wird an seinen textlich und inhaltlich schwierigen Stellen ausführlich kommentiert und erklärt. Die hebräischen und aramäischen Wörter werden in Umschrift geboten.

Wenn auch dem Übersetzer und Kommentator in jeder Hinsicht zu danken ist, weil die sprachlich und sachlich überaus schwierigen Texte einem Kreis von Gelehrten zugänglich wurden, muss man die Frage stellen, ob der Adressatenkreis nicht zu eng anvisiert wurde. Ein Nicht-Gelehrter wird sich die Übersetzung trotz der vielen Fußnoten nur mühsam (wenn überhaupt) erarbeiten können. Die Gelehrten (zumal die Judaisten unter ihnen) können den Text im Original lesen. Eine an die heutige Sprache angepasste Übersetzung, die schwierig verständliche Stellen löst, den Text fließend gestaltet und damit die Lektüre erleichtert, auf die vielen Klammern (rechteckig und rund) und auf die Großbuchstaben für Talmud stellen verzichtet, würde diese bedeutenden Zeugnisse des Mittelalters einem breiteren Leserkreis eröffnen. Die Umschrift der hebräischen Wörter ist ebenfalls nur Wissenschaftlern geläufig, wie z.B. die Worte YŚKWR und YŚKYR. Eine phonetische Transkribierung „jisskor und jasskir“ wäre für jeden Leser nicht so geheimnisvoll. So könnten z.B. auch Studenten der Rechtswissenschaft reichliches Material für rechtsvergleichende Studien finden. Und wenn man noch einen Schritt weiter denkt: Grenzt es nicht an Verschwendung, wenn dieses Material nur eine kleine Auflage in broschierter Form erfährt? Ferner könnte man die Frage stellen, warum man nicht den übersetzten Text (der beim Übersetzer ohnehin digital gespeichert ist), mindestens teilweise, in einer Internet-Domain der „ganzen Welt“ zur Verfügung stellt?

Zugegeben, man kann zur Art und zum Zweck von Übersetzungen alter Texte geteilter Meinung sein. Man kann hier eher wissenschaftlich-konservativ, aber auch pragmatisch und zeitgemäß eingestellt sein. Wenn im Talmud zwei Gelehrte nach langer Diskussion zu keinem Konsens kommen, heißt es lapidar: „Der eine Herr denkt so, der andere Herr denkt so“.

Material zum Stichwort Responsen: