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Rechtsgeschichte - Veröffentlichungen - Der Schlangenofen

Rechtsgeschichte

Wissenschaftliche Veröffentlichungen

Der Schlangenofen

eine Talmudlegende und ihre rechtliche Relevanz

Vortrag von Gabriel Miller

gehalten an der Rabbiner-Akademie
Mevasseret Zion, Jerusalem

Der Talmud, der Protokolle aus den Lehrhäusern von fünf Jahrhunderten wiedergibt, berichtet nicht nur von juristischen Diskussionen und rechtlichen Regeln, er enthält auch viele Erzählungen, die teilweise durchaus juristische Inhalte haben und sich zur Klärung von Rechtsnormen und -prinzipien eignen. Einer Erzählung im Talmud, die von vielen als eine Perle der jüdischen Literaturgeschichte betrachtet wird, soll hier besondere Aufmerksamkeit zuteil werden. Es ist nicht nur die Schönheit und die dramatische Kraft dieser Kurzgeschichte, die diese Aufmerksamkeit verdienen, es ist vielmehr die juristische und geschichtliche Analyse, die über den Talmud Aufschluß geben und das jüdische Recht verständlicher machen.

In der folgenden Erzählung, die wörtlich zitiert wird, geht es um einen Streit zwischen Rabbi Elieser und den übrigen Gelehrten. Es geht in diesem Streit um Grundsätzliches, das anläßlich einer Meinungsverschiedenheit über die Reinheit des sogenannten Schlangenofens, eines transportablen Backofens aus Lehmziegeln, ausgetragen wird. Dieser Ofen kann für Ritualzwecke maklig, also unrein werden. Rabbi Elieser meint jedoch, wenn man den Ofen in einzelne Teile zerlege und diese wieder zusammenbaue, würden sie durch Sand getrennt, wodurch der Ofen nicht mehr ganz sei, sondern als zerbrochenes Gerät gelten und nicht maklig werden könne (zerbrochene Teile können nämlich nicht unrein werden). Die Gelehrten meinen jedoch, der äußere Anstrich mit Lehm mache ein einziges Gerät daraus, und als solches könne er maklig werden. In der Gemara wird der Streit wie folgt beschrieben:

Wir haben in der Mischna gelernt: Hat man ihn in einzelne Ringe zerlegt und Sand zwischen die Ringe getan; Rabbi Elieser erklärt ihn so für tauglich und die Weisen erklären ihn für maklig. Das ist der Schlangenofen.

Weshalb heißt er Schlangenofen? Rabbi Jehuda erwiderte im Namen Schemu'els: Weil man ihn mit Argumenten umringte gleich einer Schlange.

Schließlich erklärten die Gelehrten den Ofen als untauglich.

Es wird gelehrt: An jenem Tage brachte Rabbi Elieser alle Einwendungen (Argumente), die in der Welt möglich sind, vor (zum Nachweis der von ihm vertretenen Ansicht). Aber sie nahmen diese nicht an (alle seine Begründungen wurden von der Mehrheit abgelehnt). Hierauf sprach er zu ihnen: Wenn die geltende Norm meiner Meinung entspricht, so mag dies dieser Johannisbrotbaum beweisen. Da rückte der Johannisbrotbaum hundert Ellen von seinem Orte fort; manche sagen, vierhundert Ellen. Sie aber erwiderten: Man bringt keinen Beweis von einem Johannisbrotbaum. Hierauf sprach er zu ihnen: Wenn die geltende Norm meiner Meinung entspricht, so mag dies dieser Wasserlauf beweisen. Da zog sich der Wasserlauf zurück. Sie aber erwiderten: Man bringt keinen Beweis von einem Wasserlauf. Wiederum sprach er zu ihnen: Wenn die geltende Norm meiner Meinung entspricht, so werden es die Wände des Lehrhauses beweisen. Also neigten sich die Wände des Lehrhauses und drohten einzustürzen. Da schrie sie Rabbi Jehoschua an und sprach zu ihnen: Wenn die Gelehrten sich um die geltende Norm streiten, was geht dies euch an! Sie stürzten hierauf nicht ein, wegen der Ehre Rabbi Jehoschuas, und sie richteten sich auch nicht auf, wegen der Ehre Rabbi Eliesers; und noch immer stehen sie geneigt da. Wiederum sprach er zu ihnen: Wenn die geltende Norm meiner Meinung entspricht, so werden sie dies aus dem Himmel beweisen. Da erscholl eine himmlische Stimme und sprach: Was habt ihr gegen Rabbi Elieser; die geltende Norm ist stets wie er sagt. Da stand Rabbi Jehoschua auf und sprach: Nicht im Himmel ist sie.

Was bedeutet: Nicht im Himmel ist sie? Rabbi Jirmija erwiderte: Die Tora ist bereits vom Berge Sinai herabgegeben worden (und befindet sich nicht mehr im Himmel). Wir achten nicht auf die himmlische Stimme, denn bereits am Berge Sinai hast du in die Tora geschrieben: Nach der Mehrheit muss man sich richten

Rabbi Nathan traf den Propheten Elija und fragte ihn, was der Heilige (Gott), gelobt sei er, in dieser Stunde tat (wie reagierte er darauf)? Dieser erwiderte: Er schmunzelte und sprach: meine Kinder haben mich besiegt, meine Kinder haben mich besiegt.

Man erzählt, dass die Gelehrten an jenem Tage alles holten, was Rabbi Elieser für tauglich erklärt hatte, und es im Feuer verbrannten. Alsdann stimmten sie über ihn ab und sprachen den Bann über ihn. Danach fragte man: Wer geht hin und teilt es ihm mit? Da sprach Rabbi Akiwa: Ich will gehen, denn es könnte sonst ein ungeeigneter Mensch hingehen und es ihm mitteilen, und er würde (im Zorn oder durch seine Trauer) die ganze Welt zerstören. Was tat Rabbi Akiwa? Er legte schwarze Kleider an und hüllte sich schwarz; alsdann ließ er sich vor ihm in einer Entfernung von vier Ellen nieder. Da sprach Rabbi Elieser zu ihm: Akiwa, wieso heute anders als sonst? Dieser erwiderte: Meister, mich dünkt, die Kollegen haben sich von dir abgewandt. Da zerriß auch er seine Kleider, zog die Schuhe aus und ließ sich auf die Erde nieder, und Tränen rannen aus seinen Augen. Da ward die Welt geschlagen ein Drittel an den Oliven, ein Drittel am Weizen und ein Drittel an der Gerste. Manche sagen, auch der Teig gor unter den Händen der Frauen und verdarb.

Es wird gelehrt: Ein großes Weh gab es an diesem Tage, denn jede Stelle, worauf Rabbi Elieser seine Augen richtete, verbrannte. Rabban Gamliel reiste zu jener Zeit mit einem Schiff, und eine Woge erhob sich und drohte ihn zu versenken. Da sagte er: Ich glaube, dass dies nur wegen des Rabbi Elieser ben Hyrkanos geschieht. Er stand auf und sprach: Herr der Welt, offenbar und bewusst ist es dir, dass ich dies nicht wegen meiner Ehre, auch nicht wegen der Ehre meines väterlichen Hauses getan habe, sondern deiner Ehre wegen, damit sich keine Streitigkeiten in Israel mehren. Da ließ das Meer von seinem Toben ab.

Imma Schalom, die Frau Rabbi Eliesers, war die Schwester Rabban Gamliels, und seit diesem Ereignis ließ sie ihn beim Tachnun, einem Bitt-Gebet, bei dem man niederkniet und mit dem Gesicht den Boden berührt, nicht mehr aufs Gesicht fallen (bei diesem Gebet klagt man sein Leid, und sie hatte Angst, wenn er sein Leid dem Himmel klagte, würde dieser ihren Bruder bestrafen). Eines Tages glaubte sie, es sei Neumond (an dem dieses Gebet nicht gesprochen wird), denn sie verwechselte einen vollzähligen mit einem unvollzähligen Monat, manche erzählen auch, ein Armer habe vor der Tür gestanden, und sie trug ihm Brot hinaus, und als sie zurückkehrte fand sie Rabbi Elieser beim Tachnun mit dem Gesicht am Boden. Da sprach sie zu ihm: Steh auf, du hast meinen Bruder getötet. Währenddessen verkündete eine Posaune aus dem Hause Rabban Gamliels, dass er gestorben sei. Rabbi Elieser fragte sie: Woher weisst du dies? Sie erwiderte: Es ist mir aus meinem väterlichen Hause überliefert: Sind auch alle Tore des Himmels verschlossen, so doch nicht die Tore der Kränkung.

Erster Teil des Schlangenofens

Zunächst wollen wir uns mit dem ersten Teil dieser Geschichte beschäftigen, und zwar bis zu der Stelle, wo der Prophet Elija berichtet, dass Gott über die Auflehnung des Rabbi Jehoschua gegen die himmlische Stimme geschmunzelt habe.

Zwar endet dieser Teil der Geschichte mit väterlicher Liebe und Milde, diese können aber nicht darüber hinwegtäuschen, dass ein hochdramatisches Ereignis ihnen voranging. Ein Mensch, der Sprecher einer Gelehrtengruppe, lehnt sich gegen ein von Gott gesprochenes Wort, gegen eine ausdrückliche Entscheidung Gottes auf. Dass diese Stelle im Talmud seit ihrer Niederschrift vor eintausendundfünfhundert Jahren immer wieder bis zum heutigen Tag interpretiert und analysiert wurde, wird niemanden wundern. Hier sollen die Schlußfolgerungen, die am bemerkenswertesten sind, wiedergegeben werden.

1. Die Herrschaft des Rechts

Ganz offensichtlich und offensiv wird hier die Meinung vertreten, dass die Halacha (die Regel, das Gesetz, das Recht) von der Mehrheit bestimmt wird. Diese Meinung stützt sich auf die Tora, die von Gott gegeben wurde, von dem selben Gott, der im vorliegenden Fall Rabbi Elieser gegen die Mehrheit der Gelehrten unterstützen will. Das wird ihm jedoch verwehrt, und er gibt auch nach. Er ist also dem von ihm einmal verabschiedeten Gesetz genauso verpflichtet wie seine Untergebenen, denen er dieses Gesetz verliehen hat. M. Silberg, Richter am Obersten Gericht Israels, entdeckt in dieser Legende den besonderen Charakter des Jüdischen Rechts. Er spricht von "The Rule of the Law, von der Herrschaft des Rechts im absoluten Sinne dieses Ausdrucks. Es ist die Herrschaft des Gesetzes über den Gesetzgeber. Der Gesetzgeber unterwirft sich dem Gesetz und der Instanz, die in Zweifelsfragen zur Auslegung dieses Gesetzes geschaffen wurde - der Mehrheit -, auch wenn er die umstrittene Frage anders beurteilt. Der Begriff der Herrschaft des Rechts ist zwar modern, doch im Zusammenhang mit der Halacha ist die Idee der Herrschaft der Tora über ihren Verleiher größer als unser einfacher Verstand zu begreifen vermag".

Zwar gibt es Rechtswissenschaftler wie Itzhak Englard, die nicht soweit gehen möchten, in dieser Geschichte das Prinzip der Herrschaft des Rechts zu erkennen, sie schließen diese Deutung jedoch nicht aus. Ob auch die Idee der Demokratie im Judentum sich aus dieser Geschichte ableiten lässt, was ebenfalls versucht wurde, ist weniger wichtig. Ansätze für demokratische Gedankengänge finden sich nämlich bereits in einer viel früheren Zeit, namentlich im mosaischen Recht und später auch an verschiedenen Stellen im Talmud, weshalb im vorliegenden Zusammenhang dieses Thema nicht behandelt werden muss.

2. Die Rolle der Wunder im Jüdischen Recht

Zu den von Rabbi Elieser eingeführten Wundern haben die jüdischen Gelehrten von Zeit zu Zeit Erklärungen gesucht. Zwei Richtungen mit unterschiedlichen Intentionen lassen sich bei den Kommentatoren herauskristallisieren.

Nach der einen Richtung handelte es sich in Wahrheit nicht um echte Wunder, sondern es war alles ein Traum. Einer der Gelehrten in der Lehrstube sei eingeschlafen und habe von diesen geträumten Ereignissen berichtet. Diese Richtung versucht, die vielen Wundergeschichten im Talmud rational zu erklären, indem sie als Träume deklariert werden. Diese Richtung erfuhr nicht wenig Kritik, manchmal sogar Beschimpfungen von anderen bekannten Gelehrten, die darauf bestanden, dass man den Talmud wörtlich nehmen müsse und dass die Weisen in der Talmudzeit selbstverständlich in der Lage waren, Wunder zu vollbringen.

Eine andere Richtung sieht in der Geschichte eine Allegorie. Die Objekte der Wunder, der Johannisbrotbaum, der Wasserlauf und die Mauer symbolisieren entweder menschliche Eigenschaften von Rabbi Elieser oder von den Gelehrten, oder aber, nach anderen Kommentatoren, dienen diese Objekte als Symbole für die gebrachten Argumente.

Auf die hier und andernorts berichteten Wunder, auf Gottesurteile, Ordal, soll ausführlich an anderer Stelle eingegangen werden. Hier nur soviel: Im jüdischen Recht haben Wunder und Gottesurteil keinen Platz. Ansätze dazu gab es zwar in der frühen Periode des mosaischen Rechts, später wurden diese Ansätze nie ernst genommen und verschwanden im Mystischen. Als in Europa Gottesurteile an der Tagesordnung waren, erfuhren sie bei den Juden bereits seit vielen Jahrhunderten die Einschätzung, die sie verdienten. Hier soll jedoch den in dieser Geschichte berichteten Wundern soviel Aufmerksamkeit geboten werden, wie sich aus der Geschichte selbst ergibt.

Die Geschichte mit dem Schlangenofen ereignete sich am Anfang des 2. Jh.n.d.Z. Sie wurde wahrscheinlich mündlich überliefert, vielleicht gab es auch irgendwelche Aufzeichnungen darüber, von denen man nichts mehr weiß. Niedergeschrieben wurde sie irgendwann ab der Mitte des 5. Jh., als Rav Aschi mit der Redaktion der Gemara begann. Wenn auch in späterer Zeit die Gelehrten der Talmudzeit als "große Weise", als Wundertäter oder gar als "Heilige" verklärt wurden, so kannten sich die Redakteure des Talmud im Stil der damaligen Zeit sehr wohl aus. Sie wussten genau, wie ernst man so etwas nehmen musste. Dass sie rational denkende Menschen waren, ist hinreichend bekannt. Sie kannten den Humor und die Ironie, die im Talmud reichlich verstreut sind und die sie übernahmen oder gar selbst produzierten. Dass sie die Wunder in dieser Geschichte nicht ernst nahmen, das haben sie in einer scheinbar nebensächlichen Redewendung zu vermitteln versucht. In leicht ironischem Stil bemerken sie zum Wunder mit den Wänden des Lehrhauses, die nicht einstürzen und sich auch nicht aufrichten wollten: "Und noch immer stehen sie geneigt da". Wenn die Redakteure diese Bemerkung hinzufügten, kann es nur eins bedeuten: Dass die Wände nach dreieinhalb Jahrhunderten immer noch geneigt da stehen, das würde doch kein vernünftiger Mensch glauben, und schon gar nicht der rational denkende Gelehrte in der Talmudzeit, und wenn jemand auf die Idee kommen sollte, zu fragen, ob die Wunder sich tatsächlich wie berichtet ereignet hatten, so antworten die Redakteure augenzwinkernd: "Natürlich, geh hin, du kannst dich selbst überzeugen, die Wände stehen immer noch geneigt da". Diese eingeführte Bemerkung projiziert geradezu die zwingende Frage, die nur auf eine Art und Weise - wie eben beschrieben - beantwortet werden kann.

Sollte diese Analyse Anstoß erregen, so soll die vorgetragene Betrachtungsweise mit einer kurzen Bemerkung ergänzt werden: Eine nüchterne Lesart des Talmud wie auch des Alten Testaments macht diese Werke glaubwürdiger und liebenswerter, macht sie eigentlich für jeden Menschen, nicht nur für den Gläubigen, lesenswert.

3. Theologische Auslegungen

Es ist auffallend, wie schwer sich die Gelehrten in der nachtalmudischen Zeit, besonders im Mittelalter, taten, diese Stelle theologisch zu erklären. Einige Richtungen der Erklärungsversuche sollen kurz skizziert werden.

Eine Auflehnung Rabbi Jehoschuas und der Gelehrten gegen Gott gab es gar nicht erst, denn Gott hat es nicht so gemeint. Er wollte die Gelehrten nur in Versuchung führen, er wollte sie prüfen, ob sie von ihrer Meinung, von ihren Prinzipien, von ihrer Lehre wegen einer himmlischen Stimme abrückten. In ihrem Widerspruch zur himmlischen Stimme sollen sie sich also bewährt haben. Ob diese Erklärung nicht ein weiteres theologisches Problem aufwirft?

Eine andere Meinung versucht es mit der Semantik. Die himmlische Stimme habe nicht Rabbi Elieser in diesem besonderen Fall recht gegeben. Sie habe allgemein gesagt: "Die geltende Norm ist stets wie er sagt." Die Auflehnung war also gar keine Auflehnung, weil die himmlische Stimme und die Gelehrten sich nicht im Widerspruch befanden

Eine interessante theologische Exegetik befasst sich mit dem Ausspruch Gottes: "Meine Kinder haben mich besiegt." Da es nicht denkbar sei, dass Gott seine Meinung geändert hat, kann es ja nur so sein, dass er sich verhielt wie eben ein liebender Vater zu seinen Kindern. Der Vater freut sich über das Verhalten der Kinder (die sich in unserem Fall auf die Tora beriefen), identifiziert sich mit ihnen und akzeptiert ihren Willen.

Zum zweiten Teil vom Schlangenofen

Sieht man von den geschilderten Wundern im ersten Teil, in etwas beschränkterem Maße auch im zweiten Teil ab, so ist die Geschichte durchaus historisch. Jedenfalls beschreibt sie eine historische Situation, die aus anderen Quellen innerhalb und ausserhalb des Talmud belegt ist.

Authentizität der Personen und der Ereignisse

Die handelnden Personen sind authentisch. Der geschichtliche Rahmen, in dem sie wirkten, soll kurz beschrieben werden. Nach der Zerstörung des zweiten Heiligen Tempels zu Jerusalem um 70 n.d.Z. bekam Rabban Jochanan ben Sakaj von der römischen Macht die Erlaubnis (mit der sich die Römer dafür erkenntlich zeigten, dass er ein Gegner des Aufstandes gegen sie gewesen war), in Jawne ein geistiges Zentrum zu errichten. Mit der Hilfe des von ihm geführten  Synhedrions hat er den Fortbestand des Jüdischen Rechts (und wahrscheinlich des Judentums überhaupt) gesichert. Der begabteste und bekannteste Schüler von Rabban Jochanan ben Sakaj war Elieser ben Hyrkan, auch Rabbi Elieser der Große genannt. Rabban Jochanan ben Sakaj hat seinen Schüler Elieser so sehr geschätzt, dass er sein Lob mit dem folgenden überlieferten Ausspruch ausdrückte: "Wenn alle Gelehrten Israels in der einen Schale der Wage wären und Elieser ben Hyrkan in der anderen Schale, würde die zweite Schale überwiegen".

Zu dieser Zeit gab es in Israel zwei Rechtsschulen, die Schule Hillel und die Schule Schamaj. Rabban Jochanan ben Sakaj gehörte der Hillel-Schule an, während sein geliebter Schüler Elieser in seinen Ansichten der Schamaj-Schule anhing. Rabbi Jehoschua, der Wortführer der Gelehrten in unserer Geschichte, war zwar mit Rabbi Elieser befreundet, vertrat jedoch die Richtung der Hillelisten in ihrer Purheit. Die Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Gelehrten über Fragen der Halacha (Recht, Regel, Gesetz) findet man in der Mischna zur Genüge. Obwohl die Gründer dieser Schulen, Hillel und Schamaj (sie lebten in der Zeit vor dem Beginn der Zeitrechnung), einsichtige und friedliebende Gelehrte waren, kam es  mit der Zeit nach und nach zu einer Entfremdung zwischen diesen beiden Richtungen.

Man begegnet im Talmud oft Diskussionen und Streitigkeiten, man könnte sogar sagen, dass der Talmud von diesen Auseinandersetzungen lebt. Warum musste es also bei dem Streit um die Reinheit oder Tauglichkeit des Schlangenofens zu einer solch dramatischen Wendung kommen?

Um die Antwort darauf zu verstehen, muss man von der doppelten Funktion des jüdischen Rechts Kenntnis haben. Dieses Recht, begründet in der Bibel durch Gottes Wort, von Moses vermittelt, war dazu bestimmt, die Verhältnisse zwischen den Menschen zu regeln, aber auch eine festgelegte Ordnung in Fragen des Ritus, des Gottesdienstes, der Speiseregeln und der Reinheit zu schaffen, also eine Art profanes Recht einerseits und eine Art kanonisches Recht andererseits - ius humanum und ius divinum. In Fragen des säkularen Rechts konnten sich die Parteien noch und noch streiten, und auch ohne eine Einigung zu treffen konnten sie miteinander weiterleben. Viele Beispiele im Talmud zeugen von Meinungsverschiedenheiten, die keine Lösung oder Einigung fanden. Die Regeln des Ritus waren aber im Judentum von immanenter Wichtigkeit, sie wurden aufs peinlichste beachtet, eine Abweichung bedrohte die Einigkeit der Gläubigen. Obschon es im Talmud heißt, dass die Anhänger der Schule Schamaj und der Schule Hillel sich nicht weigerten, miteinander Ehen zu schließen, so zeigt doch gerade diese Bemerkung, dass solch eine Gefahr in der Tat bestand, dass es eigentlich nur eine Frage der Zeit war, bis die beiden Schulen feststellten, dass jeweils die andere Schule von der Halacha, vom religiösen Recht so weit abgewichen sei, dass ein Zusammenleben nicht mehr möglich wäre.

Bezeichnend in unserer Geschichte und gleichzeitig konsequent ist die Tatsache, dass der Streit zwischen den Wortführern der beiden Schulen an einer Frage des Ritus, namentlich der Reinheit, entbrannte. Ein Nachgeben war keiner Partei möglich, denn das wäre einem Verzicht auf ein Glaubensbekenntnis gleichgekommen.

Um es dem zeitgenössischen Leser anschaulich und verständlich zu machen, nehmen wir uns ein Beispiel aus dem jüdischen Alltag in Israel vor. In den letzten Jahren hat sich die Erscheinung verbreitet, dass junge Menschen aus nicht religiös eingestellten Familien den Weg zur mosaischen Religion "zurück"finden. Diese "Rückkehrer" nehmen bei einem Besuch bei ihren Eltern keine Speisen zu sich, die von den Eltern zubereitet wurden, weil die Eltern keine ausgesprochen koschere, die religiösen Reinheitsregeln beachtende Küche halten. Umgekehrt speisen religiöse Eltern nicht bei ihren Kindern, wenn diese ihre religiöse Gesinnung aufgegeben haben.

Der Talmud hat an einer anderen Stelle (b. Syn. 88b) diesen Zustand schonungslos und glasklar formuliert: "Seitdem sich die Schüler Schamajs und Hillels mehrten..., mehrte sich Streit in Israel und die Tora ist wie zweit Torot (Mehrzahl von Tora) geworden". Ein Schisma sollte verhindert werden. Die Gefahr einer Spaltung des Volkes war zu groß. Die Schule Schamaj musste deshalb endgültig zerschlagen werden. Die Entscheidung hierfür wurde höchstwahrscheinlich von Rabban Gamliel, Präsident des Synhedriums und Nachkomme von Hillel, im Rat mit der Mehrheit der Gelehrten gefällt. Rabban Gamliel bringt dies zum Ausdruck, als er von einer Wasserwoge verschluckt werden soll, sich an Gott wendet und die Motive seiner Handlung erklärt, und zwar "damit sich keine Streitigkeiten in Israel mehrten". So schmerzlich und traurig es auch war, insbesondere für seinen Schüler Akiwa (den späteren geistigen Führer des Bar-Kochba-Aufstandes in den Jahren 133-136 n.d.Z.), Rabbi Elieser musste konsequenterweise verbannt und folglich mussten auch alle seine Entscheidungen revidiert werden. Wie wir sahen, haben die Gelehrten alles, was er für tauglich erklärt hatte, verbrannt. Der Bannspruch gegen Rabbi Elieser wurde erst kurz vor seinem Tod aufgehoben.

Allgemeine Betrachtungen zu dieser Erzählung

Nicht nur der Inhalt der Erzählung des Schlangenofens bietet die Möglichkeit, Wesentliches zum Jüdischen Recht zu erfahren, auch der allgemeine Rahmen, in den diese Geschichte eingebettet ist, gibt Einblicke in die jüdische Lehre und provoziert lohnende Auseinandersetzungen mit ihnen.

Zur Frage der Beleidigung in der ethischen Lehre

Es fällt auf, dass die Erzählung des Schlangenofens im vierten Kapitel des Traktats Baba Mezia des babylonischen Talmud in der Gemara zu der Mischna behandelt wird, die eigentlich die Kränkung eines Menschen zum Thema hat.

Was hat diese Geschichte mit Kränkung zu tun und was hat die Kränkung in einem Talmud-Kapitel zu suchen, das den Betrug, die Übervorteilung behandelt? Dazu muss man folgendes wissen: in der Bibel heißt es: "Ihr sollt einander nicht übervorteilen." (3. Moses 25, 17). Das hebräische Wort "Ona'a" (oder "tonu" im Imperativ Plural) bedeutet betrügen, übervorteilen und gleichzeitig kränken, beleidigen. Und da das ganze Kapitel die Ona'a zum Thema hat und der Betrug ausgiebig behandelt wurde, liegt es nah, dass die 10. Mischna mit den Worten beginnt: "Wie es eine Übervorteilung (Ona'a) bei Kauf und Verkauf gibt, so gibt es auch eine Kränkung (Ona'a) durch Worte". Nun behandelt die Gemara einige Seiten lang das Thema Kränkung, bis es einem Gelehrten einfällt, dass zum Thema Kränkung eigentlich der Bannspruch über Rabbi Elieser gehört. Bemerkenswert ist, dass für die Gelehrten der ganze Streit die eigentliche Pointe verloren hatte. Die Auseinandersetzung zwischen den beiden Rechtsschulen und die drohende Gefahr für das Volk waren längst Geschichte und zu den Akten gelegt, die Assoziation, die sich noch damit verband, war die Kränkung des Rabbi Elieser mit den Folgen für Rabban Gamliel. Die Auflehnung des Rabbi Jehoschua gegen die himmlische Stimme, mit dem abschließenden Schmunzeln Gottes, hatte nicht den Stellenwert, den man ihr heutzutage beimißt.

Die himmlische Stimme hatte kein Recht, in die Rechtsprechung einzugreifen. Die Rollen waren verteilt. Es gab eine Art verfassungsmäßige Rechtsordnung. Der Gesetzgeber war Gott, aber das von ihm erlassene Grundgesetz, die Tora, entzog sich seinem Einfluss. (Ebenso hat der heutige Gesetzgeber, das Parlament, keinen Anspruch darauf, in die Jurisdiktion einzugreifen.) Für die Auslegung des Gesetzes waren die Gelehrten zuständig, sie wurden dazu von der Tora selbst ermächtigt:

" Wenn... der Fall für dich zu ungewöhnlich liegt, dann sollst du... vor die levitischen Priester und den Richter treten, der dann amtiert... Dann sollst du dich an den Spruch halten, den sie dir... verkünden... An den Wortlaut der Weisung, die sie dich lehren, und an das Urteil, das sie fällen, sollst du dich halten. Von dem Spruch, den sie dir verkünden, sollst du weder rechts noch links abweichen" (5. Moses 17, 8-13).

Ferner gab es eine Tradition, wonach Moses sowohl die schriftliche Lehre als auch die mündliche Überlieferung von Gott unmittelbar erhalten hatte, die dann von Generation zu Generation weitergereicht wurden (b. Sprüche der Väter).

Zur Stellung der Frau

Die Stellung der Frau im Talmud, gar im Judentum, kann in einem Unterparagraphen nicht annähernd vollständig behandelt werden, andererseits wäre es beinahe sträflich, in diesem Kontext sich dazu nicht zu äußern. Wir werden dazu gedrängt durch Imma Schalom, die Schwester von Rabban Gamliel und Ehefrau von Rabbi Elieser. Man erfährt zunächst einmal, dass sie gebildet war. Sie kannte nämlich eine wenig bekannte Redensart, dass die Tore des Himmels sich der Klage einer Kränkung wegen nicht schließen. Die Tore des Himmels sind nämlich, nach dem Talmud, außer am Jom Kippur (am Sühnetag) immer geschlossen, lediglich in Ausnahmefällen wie bei der Kränkung öffnen sie sich der Bitte oder dem Gebet des Menschen. Die Bildung erwarb sie in ihrem Elternhaus, das bekanntlich das Haus des Präsidenten war, in dem nur gebildete Menschen verkehrten. Im Talmud wird berichtet, dass sogar das Dienstpersonal im Haus des Präsidenten gebildet war. Des weiteren erfährt man, dass Imma Schalom eine energische Frau war, sie konnte nämlich ihren Ehemann davon abhalten, beim Tachnun-Gebet aufs Gesicht zu fallen. Es gab also auch zu jener Zeit beachtliche weibliche Frauenpersönlichkeiten, jedoch hieraus auf die allgemeine Situation der Frau zu schließen, ginge zu weit.

Das Gegenteil ist eher der Fall. Dieser Abschnitt in der Gemara, der sich dem Thema Kränkung widmet, zählt die gefährdeten Personengruppen auf, also die Menschen, denen man leicht zu nahe tritt, Gruppen, die sich nicht wehren können. Es sind insbesondere die Konvertiten und die Frauen. Die untergeordnete Stellung der Frau ist nicht zu leugnen, ganz im Gegenteil, man hätte sich sehr wundern müssen, wenn es in jener Kultur und Zeit anders gewesen wäre. Trotzdem darf man hervorheben, mit welcher Sensibilität die Talmudgelehrten sich zur Stellung der Frau äußerten und sich ihrer annahmen. Mehrere Beispiele aus der Bibel und von den früheren Weisen werden zitiert, um eindringlich vor einer Missetat gegen eine Frau zu warnen. Ratschläge werden den Männern gegeben, wie etwa: "Wenn deine Frau klein ist, neige dich zu ihr, damit du nicht laut mit ihr sprichst". Es würde den Rahmen sprengen, diese Ratschläge alle aufzuzählen, jedoch ist eine Bemerkung besonders erwähnenswert, weil sie die aus der Freudschen Psychoanalyse bekannte Projektion eigener negativer Eigenschaften auf einen anderen (Feind, Gegner, Wehrloser etc.) denken lässt: "Einen Fehler, der dir anhaftet, wirf deinem Nächsten nicht vor" (ebenda 59 b).

Schlussbemerkung

Die Behandlung der Legende um den Schlangenofen sollte damit abgeschlossen werden. Die literarischen Aspekte, die ausdrucksvolle Sprache und die arabeske Verschlungenheit der Erzählung wurden weitgehend außer Acht gelassen. Juristische und gesellschaftliche Deutungen standen im Mittelpunkt dieser Abhandlung. Aber gerade diese provozieren neue Fragen: In wie weit, wenn überhaupt, ist es legitim, mit Legenden und Sagen so umzugehen, sie zum Gegenstand einer rechtlichen Würdigung zu machen und aus ihnen Grundlegendes über Prinzipien eines gedanklichen Systems abzuleiten?

Diese Fragen berühren ein Charakteristikum des Jüdischen Rechts, das dieses von anderen Rechtssystemen unterscheidet. Sie verdienen eine besondere Behandlung.