Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
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SoSe 2013 - Protokoll

SoSe 2013 - Protokoll

16. April 2013

Seminar: Jüdisches Recht, Dozent: Dr. Miller; Protokollant: Anton Stortchilov

A. Organisatorische Fragen

Dr. Miller gibt bekannt, dass diejenigen, die noch keine Seminararbeit abgeliefert haben, dies so bald wie möglich nachholen sollen, da die Arbeiten während der kommenden Sitzungen referiert und besprochen werden. Eine Abgabe der Seminararbeiten nach Semesterende, etwa in den kommenden Semesterferien, ist nicht vorgesehen. Die Themen für die Seminararbeiten sind mit Dr. Miller vorab per Email abzusprechen. Ein Kommilitone wird anstatt der Seminararbeit regelmäßig Sitzungsprotokolle anfertigen. Anton Stortchilov wird zu dieser Aufgabe bestimmt.
Es werden die Assistenten von Dr. Miller – Rabbinerin Dr. Klapheck und Herr Rechtsanwalt de Wolf – vorgestellt. Herr de Wolf empfiehlt den Studierenden, bei der Erstellung der Seminararbeiten auch auf die Biographien der einzelnen Rechtsgelehrten einzugehen und empfiehlt dazu das „Who is Who in the Talmud“  von Shulamis Frieman, erhältlich in der Bibliothek. Auch kann es hilfreich sein, bei Wikipedia die Namen nachzuschlagen, denn zu  wichtigen Rabbinern stehen manchmal gute Artikel mit weiteren Quellen.

B. Thematisches

1) Juedisches-Recht.de

Dr. Miller stellt dem Seminar die Webseite www.juedisches-recht.de vor, auf der reichlich Information zum Thema des Seminars und die bereits abgegebenen Seminararbeiten zu finden sind. Die Teilnehmer des Seminars sollen sich bis zur nächsten Sitzung auf dieser Seite eigenständig informieren, um einen ersten Einblick in die Thematik zu gewinnen.

2) Sinn und Ziele des Seminars

Das Seminar wird in vier Gruppen aufgeteilt, die jeweils eine der folgenden Fragen zu besprechen haben:

a.) Warum studiert man Rechtsgeschichte?
b.) Wie studiert man Rechtsgeschichte?
c.) Welchen Nutzen hat das Studium der Rechtsgeschichte?
d.) Welchen Nutzen hat das Studium des jüdischen Rechts?

Die Fragen werden von den Gruppen wie folgt beantwortet:

a.) Die Rechtsgeschichte verleiht nach Ansicht der ersten Gruppe den sie Studierenden Einblicke in die Ursprünge, Entwicklung und verschiedene Formen des Rechts, aber auch der Gesellschaft allgemein. Man könne behaupten, dass die Geschichte des Rechts mit dem Anbeginn menschlicher Zivilisation einsetzt. Zudem könne man ganz praktischen wissenschaftlichen Mehrwert erzielen, indem man etwa eine Genealogie der Schuldtheorien erstellt und aus ihr „Wissen generiert“.

b.) Methodisch studiert man, nach Ansicht der zweiten Gruppe, Rechtsgeschichte durch aufmerksame Lektüre und Diskussion rechtshistorischer Literatur und Quellen. Die Intention dahinter sei, Geschichte zu verstehen um die Gegenwart zu verstehen; und die Rechtsgeschichte als einen Diskurs zu begreifen, in dem verschiedene Rechtsgedanken abgewogen wurden.

c.) Zum Nutzen eines Studiums der Rechtsgeschichte nennt die dritten Gruppe vier Hauptaspekte:

- Die Rechtsgeschichte ermögliche es, die Rechtssysteme verschiedener Epochen miteinander zu vergleichen.

- Das Recht sei wandelbar und damit eine Widerspiegelung der jeweils herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse: womit also Rückschlüsse auf die Organisation vergangener Gesellschaften allgemein möglich sei.

- Das Recht kenne aber auch Kontinuitäten, die bis heute ihre Gültigkeit behielten, wie etwa der Grundsatz „Du sollst nicht töten“ der zehn Gebote. Dagegen wandte Dr. Miller ein, dass die zehn Gebote teilweise außer Kraft gesetzt worden seien.

- Zuletzt, so die dritte Gruppe, könne die Rechtsgeschichte das aktuelle Rechtssystem legitimieren, indem sie etwa der Bevölkerung die möglichen Alternativen aus der Vergangenheit vor Augen führt und daran die Notwendigkeit mancher Rechtssätze erklärt.

d.) Das Studium des jüdischen Rechts liegt nach Ansicht der vierten Gruppe zum einen in der gemeinsamen jüdisch-christlichen Geschichte des Abendlandes begründet, in dem sich die beiden Rechtssysteme gegenseitig beeinflusst haben. Zum anderen begründe es sich damit, dass jüdisches Recht immer noch das geltende Recht in Israel mitpräge. Darüber hinaus können Kenntnisse des jüdischen Rechts zum Beispiel hilfreich sein, um etwa ein jüdisches Restaurant eröffnen zu können, da dazu die Beachtung des Kaschrut (die Trennung von Milch- und Fleischspeisen) wichtig sei.

Dr. Miller merkt dazu an, dass es einen Unterschied gibt zwischen dem ius divinum, den Verpflichtungen der Menschen vor Gott, und dem ius humanum, zu dem auch Strafrecht und Zivilrecht gehören. Dieses Seminar beschäftigt sich mit dem ius humanum, soweit es möglich ist, dieses vom ius divinum zu trennen. Zudem bemerkt er, dass die Geschichte des jüdischen Rechts älter ist als die Geschichte des Abendlandes.

3) Chronologie des jüdischen Rechts

Dr. Miller berichtet, dass sich das jüdische Recht in die vier folgenden Epochen aufteilen lässt:

1. Die biblische Zeit, ~ 1000 v.d.Z. bis zum Anfang der christlichen Zeitrechnung

2. Die talmudische Zeit, ~ 1 bis ~ 600-700 n.d.Z.

3. Die Zeit der Responsen, ~ 600-700 n.d.Z. bis ~ 1930er Jahre.

4. Neue Geschichte, ~ seit den Anfängen der neuen Staatlichkeit.

Arbeitsplan für dieses Semester

Dr. Miller berichtet, welche Arbeitsmethode er anzuwenden gedenkt, wobei die genannten zeitlichen Abschnitte paradigmatische* Schwerpunkte bilden sollen.

* Paradigma nach T. S. Kuhn: Eine ganze Konstellation von Überzeugungen, Werten Verfahrensweisen usw., die von den Mitgliedern einer gegebenen Gemeinschaft geteilt werden.





23. April 2013

Am heutigen Tag stand kein Protokollant zur Verfügung.

Deshalb in Kürze die Beschreibung der heutigen Sitzung.

Zum Einstieg in die Rechtsgeschichte der frühbiblischen Zeit wurde die Geschichte von Juda und Tamar von den Anwesenden einzeln gelesen.

Für das eventuelle Nachlesen steht der Text hier zur Verfügung:
Juda und Tamar

Nachdem die Geschichte dem Inhalt nach besprochen und verstanden wurde, wurden zwei Gruppen gebildet, die Fragen formulieren sollten. Eine Gruppe sollte zur rechtlichen Relevanz der Geschichte, die zweite Gruppe zum ethischen und historischen Umfeld Fragen stellen.

Die erste Gruppe formulierte folgende Fragen:

- Inwieweit ist die Schwagerehe bindend?
- Rechtliche Folgen der Unzucht: Tod?
- Zwangsehe - Stammesrecht (kein geschriebenes Recht)
- Prostitution: legitim?

Die zweite Gruppe formulierte folgende Fragen:

- Die Stellung der Schwagerehe?
- Warum werden die Kinder dem verstorbenen ältesten Sohn zugesprochen und nicht dem biologischen Vater?
- Selbsthilfe der Tamar, indem sie sich von Juda schwängern lässt?
- Die Stellung der kinderlosen Frau?
- Als Witwe wurde Tamar ins Haus Ihres Vaters zurückgeschickt. Durfte sie nicht im Haus von Juda bleiben?

Die Fragen wurden von den Teilnehmern diskutiert, wobei noch mehrere Aspekte der früheren Kulturen zu Sprache kamen. Somit wurde ein Einblick in die frühe Rechtsgeschichte - Stammesgeschichte - der Israeliten gewonnen.

G. Miller

30. April 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

Rekapitulation: Letzte Woche wurde die Geschichte von Tamar und Juda gelesen und diskutiert. Zwei zentrale Themen wurden herausgearbeitet:

- Die absolute Herrschaft des Familienoberhaupts in der Stammesgesellschaft; Entscheidung über Leben und Tod.

- Der Brauch der Leviratsehe (Schwagerehe) in manchen Kulturen wie in der israelitischen Frühzeit.

Heutige Sitzung:

1. Das Thema Leviratsehe wird am Beispiel des Buches Ruth fortgesetzt:

a. Sachverhalt

Herr de Wolf fasst die Geschichte aus dem Buch Ruth zusammen:
Elimelech zieht wegen einer Dürre mit seinen beiden Söhnen zu den nichtjüdischen Moabitern, wo die Söhne die Moabiterinnen Ruth und Orpa heiraten. Sowohl Elimelech als auch seine Söhne sterben. Ruth entschließt sich, mit Elimelechs Witwe Naomi zurück in das Land Israel zu ziehen. Naomi vermittelt Ruth einen Kontakt mit Boas, einem Verwandten von Naomi, der bereit ist, Ruth zu heiraten. Nach den damaligen jüdischen Bräuchen hat aber ein Blutsverwandter des Verstorbenen einen Anspruch darauf, die kinderlose Witwe zur Frau zu nehmen (und das Erbe des Verstorbenen anzutreten). Da es einen Blutsverwandten Elimelechs gibt, muss eine spezielle Zeremonie stattfinden, die den Verzicht dieses Blutsverwandten auf eine Ehe mit Ruth signalisiert, bevor Boas Ruth heiraten kann. Boas löst Ruth aus, d.h. er bezahlt Elimelechs Blutsverwandten für den Verzicht.

Anschließend wird die Geschichte Ruth in kurzer schriftlicher Fassung gelesen, um allgemeine Verständnisfragen zum damaligen Israel zu ermöglichen (zum nachzulesen).

Es wurde auch gefragt, ob Ruth tatsächlich wie befürchtet in Israel zurückgewiesen worden wäre und wie es sich heutzutage mit nicht-jüdischen Menschen in Israel verhält.

b. Bibelhistorische Bemerkungen u. d. Unterschied zwischen d. Buch Ruth und d. Deuteronomium

Laut jüdischer Tradition ist sind die fünf Bücher Moses der älteste Teil der Bibel. (Die Reihenfolge der Biblischen Bücher wurde an Hand der Skizze dargestellt. Ferner wurde auf die aus dem Jüdischen Lexikon kopierte Zeittafel der alten Geschichte Israels verwiesen und an die Tafel gebeamt.) Die Geschichte von Ruth findet während der Zeit der Richter statt. Damals hatten die eindeutigen Regelungen aus dem Deuteronomium noch nicht gegolten – diese Partien des Deuteronomium sind also offensichtlich jünger als das Buch Ruth.

Die Regelung der Leviratsehe im mosaischen Recht wurde gelesen:

Deuteronomium

25:5 Wenn zwei Brüder zusammen wohnen und der eine von ihnen stirbt und keinen Sohn hat, soll die Frau des Verstorbenen nicht die Frau eines fremden Mannes außerhalb der Familie werden. Ihr Schwager soll sich ihrer annehmen, sie heiraten und die Schwagerehe mit ihr vollziehen.

25:6 Der erste Sohn, den sie gebiert, soll den Namen des verstorbenen Bruders weiterführen. So soll dessen Name in Israel nicht erlöschen.

25:7 Wenn der Mann aber seine Schwägerin nicht heiraten will und seine Schwägerin zu den Ältesten ans Tor hinaufgeht und sagt: Mein Schwager will dem Namen seines Bruders in Israel keinen Bestand sichern und hat es deshalb abgelehnt, mit mir die Schwagerehe einzugehen!,

25:8 wenn die Ältesten seiner Stadt ihn dann vorladen und zur Rede stellen, er aber bei seiner Haltung bleibt und erklärt: Ich will sie nicht heiraten!,

25:9 dann soll seine Schwägerin vor den Augen der Ältesten zu ihm hintreten, ihm den Schuh vom Fuß ziehen, ihm ins Gesicht spucken und ausrufen: So behandelt man einen, der seinem Bruder das Haus nicht baut.

25:10 Ihm soll man in Israel den Namen geben: Barfüßerhaus.

Es wurde herausgearbeitet, dass der alte Brauch der Leviratsehe damit eine Abmilderung erfuhr, indem das Gesetz eine neue Institution geschaffen hatte, die Chaliza. Diese ermöglichte dem Schwager, sich von der Verpflichtung zu lösen, die Witwe zu ehelichen und ermöglichte ihr, selbst einen Ehepartner auszusuchen.

Es wurden Fragen, insbesondere zur Weiterentwicklung der Institutionen Leviratsehe und Chaliza gestellt.

2. Chaliza in der Geschichte des Judentums

Zunächst wurde einzeln eine kurze Zusammenfassung aus dem Jüdischen Lexikon gelesen (zum nachlesen) und anschließend besprochen.

a. Chaliza im Mittelalter (ein alter Stich stellt die Chaliza-Zeremonie dar)

Im christlichen Europa lebten die meisten Juden monogam. Offiziell wurde die Polygamie im Europäischen Judentum im Jahr 1000 von einem Rabbiner in Mainz am Rhein abgeschafft. Die Chaliza wurde zur allgemeinen Regel, da die Schwagerehe wegen des Verbotes der Vielweiberei nicht konsistent durchzuführen war. Im islamischen Raum lebten die Juden immer noch polygam.

b. Chaliza im modernen Israel

In Israel ist Polygamie verboten und wird strafrechtlich verfolgt. Viele Reformrabbis halten die Chaliza in der heutigen Zeit, in der die Schwagerehe nicht mehr praktiziert wird, für überflüssig. Ovadia Yossef, der spirituelle Anführer der Sephardim, meint hingegen, dass die Schwagerehe auch in der Moderne einzugehen sei, falls der Schwager noch unverheiratet ist.

c. Weitere Fragen, die von den Studierenden gestellt wurden:

- Es wird gefragt, ob die Söhne Elimelechs Moabiterinnen heiraten durften und ob seine Kinder Juden waren.

In früherer Zeit ist man auch Mischehen eingegangen, wobei sich die Religionszugehörigkeit nach dem Vater richtete. Damit König David aber auch nach späterer Auffassung als jüdisch gelten kann, wurde von späteren Gelehrten eine Konversion von Ruth angenommen. Heutzutage dürfen solche Hochzeiten in Israel nicht mehr registriert werden.

- Es wird gefragt, ob Mischehen in Israel also verboten seien?

In Israel gibt es keinen Standesamt. Die Hochzeiten werden von den Geistlichen der jeweiligen Religionsgemeinschaft vorgenommen. Gleichwohl sind die Ehen mit den entsprechenden rechtlichen Attributen ausgestattet, falls sie im Ausland standesamtlich geschlossen wurden.

- Es wird gefragt, wie Atheisten heiraten?

In Israel müssen die sich einer Religion formell zurechnen oder ins Ausland reisen um dort eine standesamtliche Ehe einzugehen.

3. Das Talionsprinzip im Judentum und der Vergleich mit dem Codex Hammurabi

Als weiteres Beispiel für den Fortschritt der mosaischen Gesetzgebung gegenüber dem älteren Stammesrecht wurde der Begriff Talion eingeführt.

Das Talionsprinzip bedeutet, dass Gleiches mit Gleichem vergolten werden soll. Damit ersetzt das Talionsprinzip das ältere Racheprinzip, das asymmetrische Vergeltung vorsah.

Verglichen wurden die einschlägigen Verse der Bibel mit den Paragraphen des Codex Hammurabi (18. Jh. v.d.Z.):

Exodus Kap. 21

23 Entsteht ein dauernder Schaden, so sollst du geben Leben um Leben,

24 Auge um Auge, Zahn um Zahn, Hand um Hand, Fuß um Fuß,

25 Brandmal um Brandmal, Beule um Beule, Wunde um Wunde.

Hammurabi

§ 196 Wenn ein Mann das Auge eines anderen zerstört, zerstört man sein Auge.

§ 197 Wenn er einem anderen ein Glied (Knochen) zerbricht, zerbricht man ihm ein Glied.

§ 200 Wenn ein Mann einem Mann seinesgleichen die Zähne ausschlägt, schlägt man ihm die Zähne aus.

Es wird also keine Blutrache mehr gestattet.

Die babylonischen Normen unterscheiden sich von den jüdischen darin, dass sie zwischen den verschiedenen Menschenklassen (Armen, Sklaven, Kinder) differenzieren. Das Judentum sieht die Menschen hingegen als samt und sonders von Gott geschaffen und damit als gleich an.

7. Mai 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

1. Jüdisches Arbeitsrecht

Herr de Wolf stellt das jüdische Arbeitsrecht im Vergleich mit dem deutschen als ein Thema für eine Seminararbeit vor. Eine wichtige Norm stellt dabei 5 Mose 23:24-25 dar „Wenn du in deines Nächsten Weinberg gehst, so magst du Trauben essen nach deinem Willen, bis du satt bist, aber du sollst nichts in dein Gefäß tun. Wenn du in die Saat deines Nächsten gehst, so magst du mit der Hand Ähren abrupfen, aber mit der Sichel sollst du nicht dreinfahren.“

Diese Norm erinnert an die bis 1975 gültige deutsche Strafrechtsnorm, die den Mundraub regelte. Der Talmud entwickelt aus ihr arbeitsrechtliche Fragen. Etwa:

- Welchen Anteil von der Ernte darf der angestellte Erntehelfer essen?

- Muss er direkt beim Hineingehen die erstbesten Trauben konsumieren, oder kann er warten, bis er an die besten gelangt?

- Muss er in den Pausen essen, oder darf er es auch während der Arbeitszeit tun?

- Darf er auch auf dem Weg zur Kelterei essen?

Im deutschen Arbeitsrecht wurde das Recht hingegen im Bienenstichfall und dem Pfandmarkenfall anders gehandhabt. Aber auch da gibt es offene Fragen:

- Darf man nach Belieben während der Arbeit essen, oder muss man auf die Pause warten?

- Darf man als Erntehelfer mehr von der Ernte essen, als was man an Gehalt bekommt?

Im Talmud wird zudem die steuerrechtliche Dimension beachtet, die man im deutschen Recht nicht beachtet, so etwa, ob die Mehrwertsteuer anfällt, wenn man den Arbeitnehmer teilweise mit dem Essen bezahlt. Im Talmud wird die Frage aufgeworfen, ob man auch von dem Teil der Ernte essen darf, der für die Steuer bestimmt ist. Dies ist mit der Frage zu vergleichen, ob die Sozialabgaben vom Nettogewinn oder vom unversteuerten Bruttogewinn zu zahlen sind.

Zusätzlich lässt sich die Norm mit dem 1975 abgeschafften Mundraubtatbestand vergleichen. Der Mundraub wurde milder bestraft als der normale Diebstahl, weil dabei eine soziale Komponente eine Rolle spielte. Der Sinn hinter dieser Norm ist, dass man Not leidenden Menschen die Notwendigkeit, sich zu ernähren zugesteht. Die Abschaffung der Norm steht daher im Zusammenhang mit der Linderung der bittersten Armut durch den Sozialstaat. Auch im modernen Israel kann man nicht ohne Weiteres in Weinbergen essen, weil auch da der Sozialstaat das Überleben jedes Menschen garantiert und dieser Anspruch der Armen auf Ernährung dadurch erfüllt ist.

2. Rekapitulation und Einführung in den Aufbau des Talmud

Wir erinnern uns, dass man jüdisches Recht in 4 Entwicklungsstufen gliedern kann:

Stammesrecht - 5 Bücher Mose - Talmud - modernes jüdisches Recht.

Dies entspricht auch in etwa der chronologischen Unterscheidung in:

Biblische Zeit, Talmudische Zeit, Zeit der Responsen, Neuzeit.

Es wird wieder die schematische Darstellung der jüdischen Rechtstexte eingeblendet.

Grundlegend ist dabei die Unterscheidung:

Schriftliche Lehre - die hebräische Bibel, die bis etwa 200 v. Chr. fertiggestellt wurde.

Mündliche Lehre - der Talmud, der im Lauf der darauf folgenden Jahrhunderte entstand.

Die Begriffe Tora, Talmud, Mischna, Gemara sind allgemein als Lehre zu übersetzen, wobei Tora auch „Gesetz“ heißen kann.

- Die Mischna war die mündliche Lehre. Zunächst durfte man sie nicht aufschreiben, damit sie die Tora, die Heilige Schrift, nicht verdrängt. Dennoch wurde die Mischna um 200 n.d.Z. kodifiziert, damit sie nicht in Vergessenheit gerät.

- Die Gemara wurde um 500 n.d.Z. zusammengefasst, und soll die Mischna erklären.

- Die Raschi-Kommentare wurden im 11. Jahrhundert von dem Rabbiner Schlomo ben Itzhak in Frankreich verfasst und erläutern nochmal die Mischna und Gemara. Es gab danach noch viele Kommentare und Bücher, die den Talmud weiter erklärten.

Als eine für den Rechtshistoriker akzeptable Übersetzungen ins Deutsche wird „Der babylonische Talmud, Lazarus Goldschmid, jüd. Verlag, Neuauflage 1996“ empfohlen, weil dort die Rechtsbegriffe korrekt und konsequent wiedergegeben werden.

Im Talmud wird geklärt, dass man nur vor der Versteuerung des Weines aus dem Weinberg essen darf. Wann diese Versteuerung stattfindet, wird von Raschi klargestellt: nämlich, wenn die Trauben oben schwimmen, was ein sehr früher Zeitpunkt ist. Dabei ist aber zu bedenken, dass Raschi Winzer war. Das führt uns zu der Feststellung, dass Rabbiner neben ihrer Tätigkeit auch normale Berufe hatten, wie Winzer oder Schuster. Für (religiösen) Unterricht darf man nach jüdischem Gesetz kein Geld nehmen. Ebenso wenig für medizinische Versorgung.

Andererseits gilt ab dem 2. Jahrhundert v.d.Z. die elterliche Pflicht, ihre Kinder in Lesen und Schreiben unterrichten zu lassen. Die Lehrer wurden dementsprechend nicht bezahlt, sondern für die durch den zeitlichen Aufwand entgangene Möglichkeit, Geld zu verdienen, entschädigt. Der Talmud nennt die Entschädigung des Lehrers „Müßigganglohn“.


3. Gruppenarbeit:

Es wurden drei Gruppen gebildet, die Fragen formulieren sollten, die geschichtlich für einen Paradigmenwechsel zwischen der Zeit der Tora und der Zeit des Talmud relevant sein könnten.

1. Frage: Was war der Anlass des Wechsels von schriftlicher zur mündlichen Lehre? Ist die mündliche Lehre einfacher formuliert?

Antwort: Nach der babylonischen Gefangenschaft um 500 v.d.Z. sprach der Großteil der Bevölkerung Aramäisch, die im nahen Osten damals stark verbreitete Sprache. Die 5 Bücher Mose wurden hingegen auf Hebräisch zusammengetragen. Aus der babylonischen Gefangenschaft kam die Institution der Synagogen, in denen die Tora gelesen wurde. Das musste allerdings der aramäischsprechenden Bevölkerung übersetzt werden. Mit jeder Übersetzung kommt natürlich auch eine Interpretation hinzu.


2. Frage: Ist der Übergang vom jüdischen Staat zur Diaspora für den Paradigmenwechsel wichtig?

Antwort: Die Zeit der Diaspora begann 586 v.d.Z.; die babylonischen Gefangenschaft. Obschon ein Teil der Juden 50 Jahre danach nach Judäa zurückkehrte, gab es jüdische Gemeinden und Schulen im ganzen Nahen Osten, vor allem auch in Babylonien, in Alexandria oder auf Zypern.


3. Frage: Hat die griechische Kultur die Interpretationen der Tora beeinflusst?

Antwort: Seit den Eroberungen Alexanders des Großen ab 334 v.d.Z. befand sich Judäa im griechischem Machtbereich, der sich auch kulturell bemerkbar machte. Judäa lag an der Grenze zwischen dem Ptolemäer- und dem Seleukidenreich, bis es sich unter den Makkabäern befreien konnte.

Bemerkbar ist der Einfluss etwa an den Schriften aus Alexandria, die aber nicht in den Talmud kamen, sowie an der Septuaginta, der ersten griechischen Übersetzung der Tora um 200 v.d.Z., auf der die meisten christlichen Bibelübersetzungen basieren.


4. Frage: Gab es regionale Unterschiede in der Lehre, die sich im Talmud niederschlugen?

Antwort: Die Mischna ist überall gleich. Die Gemara hingegen teilt sich in den babylonischen und den Jerusalemer Talmud auf. Die Römer hatten Judäa besetzt und unterdrückt. Die Bevölkerung war verarmt und die Rabbiner wurden verfolgt. Der babylonische Talmud hingegen entstand in den wohlhabenden Gemeinden in Mesopotamien, die in dem Perserreich relativ viel Freiheit genossen.

Die unterschiedlichen Umstände prägten auch die beiden Versionen. Während der Inhalt des Jerusalemer Talmud eine landwirtschaftliche Prägung ausweist, geht der babylonische Talmud mehr auf den Handel ein. Heutzutage wird fast nur der babylonische Talmud studiert, da die dortigen Gemeinden aufgrund der Freiheit und des Wohlstands auf einem höheren Niveau arbeiten konnten.


5. Frage: Wodurch waren die Fortbildung des Rechts und seine Interpretationen legitimiert?

Antwort: Die Normen im Talmud werden aus der Tora abgeleitet, die von Moses stammt, der sich auf Gott als höchste Autorität beruft. Dazu lässt sich Hans Kelsen zitieren. Jede Norm beruft sich auf eine höhere Norm. Am Ende der Kette steht die Grundnorm, die ihrerseits aber nicht gesetzt, sondern nur vorausgesetzt sein kann. Diese Kette wird von Kelsen durch ein Beispiel, das insbesondere die Struktur des jüdischen Rechts veranschaulicht, erläutert. Es wird vorgelesen:

"Ein Vater befiehlt seinem Kind, zur Schule zu gehen. Auf die Frage des Kindes: warum soll ich zur Schule gehen, mag die Antwort lauten: weil der Vater es befohlen hat und das Kind den Befehlen des Vaters gehorchen soll. Fragt das Kind weiter: warum soll ich den Befehlen des Vaters gehorchen, mag die Antwort lauten: weil Gott befohlen hat, den Eltern zu gehorchen und man den Befehlen Gottes gehorchen soll. Fragt das Kind, warum man den Befehlen Gottes gehorchen soll, das heißt: stellt es die Geltung dieser Norm in Frage, ist die Antwort: dass man diese Norm eben nicht in Frage stellen, das heißt, nicht nach dem Grund ihrer Geltung suchen, dass man diese Norm nur voraussetzen könne".

14. Mai 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

1. Rekapitulation.

Es wird der Begriff der Grundnorm in der Rechtsphilosophie von Kelsen rekapituliert.
Im jüdischen Recht stellt Gottes Wort in Form der 5 Bücher Mose die Grundnorm dar.

2. Lektüre und Aufgabe

Textanalyse: Es wird ein Abschnitt aus dem Deuteronomium 17 sowie ein Teil des Levitikus 26 gelesen. Die Teilnehmer machen sich Notizen oder notieren Fragen, die anschließend diskutiert werden.

(Anlage: Deut.17)

(Anlage: Fragen)

3. Textdiskussion

Die Passage „In deinen Toren“ bedeutet so viel wie „in deiner Stadt“, also innerhalb der Stadtmauern. Falls der Richter vor Ort nicht zu entscheiden vermag, soll man sich an die Zentrale wenden.

Es handelt sich hierbei um eine Norm, die aus der Zeit des Moses gesehen für die Zukunft bestimmt ist. Zu der Zeit gibt es noch keine von Gott erwählte Stätte. Später wird Jerusalem, die Hauptstadt von Juda, zu dieser Stätte erwählt.

In der Frühzeit gab es in Israel keine Richter. Die Funktion der Richter wurde von den Priestern wahrgenommen. Später wurde vor allem das „jus divinum“ von den Priestern entschieden, das „jus humanum“ von den Richtern. Die Formulierung „der Richter, der zu der Zeit sein wird“ weist ebenfalls aus der Perspektive von Moses in die Zukunft. Es lässt sich so interpretieren, dass der jeweilige zukünftige Richter nach bester Interpretation seiner Zeit entscheiden soll.

Der Plural des Begriffs „Tora“ im Levitikus 26 wird so interpretiert, dass Gott dem Moses nicht nur die schriftliche Lehre, sondern auch die mündliche Lehre übermittelte. Daraus wird die Autorität der jeweiligen Richter, die Tora zu interpretieren, abgeleitet. In späterer Zeit war die Hauptaufgabe der Rabbiner nicht der Gottesdienst (wie zum Beispiel heutzutage), sie glich eher einer richterlichen Funktion (Streitigkeiten unter Juden und Auslegung der Gebote).

Die Interpretation im Rahmen des Talmud war eine Rechtsfortbildung: die mündliche Lehre konnte sich nicht nur vom Text der Tora entfernen, sondern ihm sogar widersprechen. Dazu wird die Norm der Steinigung der ungehorsamen Söhne als Beispiel angeführt. Laut Talmud wurde sie nie angewandt und wird auch nie angewandt werden. Damit hat die „Rechtsprechung“ diese Norm abgeschafft. Ähnlich verhält es sich mit der Maßgabe im Deuteronomium 17:12, dass derjenige, der ein richterliches Urteil missachtet hat, sterben soll. Diese Norm wurde in der Antike selten, später gar nicht mehr angewandt.

Einerseits ist das Recht der Tora nicht demokratisch oder verhandelbar. Andererseits ist dadurch, dass viele der Rechtsgelehrten, die auch den Talmud zusammengetragen haben „mitten im Leben standen“ und zum Teil handwerkliche Berufe ausübten, der Talmud relativ volksnah geworden.

Eine interessante Frage stellte sich in Bezug auf die Willkürlichkeit der Rechtsprechung und Gesetzgebung. Da es keine demokratischen Institutionen gab, wer entschied letztlich, was richtig war? Es wurde die Institution der Metanorm andiskutiert, die in der kommenden Stunde vertieft werden soll.

4. Lektüre aus dem babylonischen Talmud, Traktat Menachot S. 26b

(überarbeitet von Dr. Miller)

„Rabbi Jehuda sagte im Namen Raws: Als Moses in den Himmel stieg, traf er den Heiligen, gepriesen sei er (Gott), dasitzend und Verzierungen für die Buchstaben der handgeschriebenen Tora schreibend. Da sprach er zu ihm: Herr der Welt, warum hältst du dich damit auf? Er erwiderte: Nach vielen Generationen wird ein Mann sein namens Akiva ben Joseph; er wird dereinst über jedes Häkchen (und nicht nur über jedes Wort und jeden Buchstaben der Tora) Haufen über Haufen von Lehren vortragen. Da sprach er vor ihm: Herr der Welt, zeige ihn mir. Er erwiderte: Wende dich um. Da wandte er sich um und befand sich in dem Lehrraum des R. Akiva (der 1.400 Jahre später lebte). Er setzte sich hinter die letzte Reihe; er verstand aber ihre Unterhaltung nicht und war darüber bestürzt. Als R. Akiva zu einer Sache gelangte, worüber seine Schüler ihn fragten, woher er dies wisse, erwiderte er ihnen, dies sei eine überlieferte Lehre (Moses habe sie am Sinai zusammen mit der schriftlichen Tora erhalten und an die Nachkommen mündlich überliefert). Da wurde er beruhigt.”

Diskussion: Diese Geschichte zeigt, wie weit der Spielraum für Kommentare und Rechtsfortbildung ist. Die Normen der „mündlichen Lehre“ sind aus der Tora allein nicht ohne Weiteres nachzuvollziehen, obgleich die Tora ihnen als Grundnorm dient.

21. Mai 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

Einführung

In der letzten Sitzung hatte eine Kommilitonin gefragt, ob die Normen des jüdischen Rechts willkürlich sind, oder ob ihre Gültigkeit von der Gemeinde anerkannt werden muss. Dazu eine Anekdote.

Die neue Regierung von Israel ist aufgrund der schlechten Finanzlage gezwungen, Steuern wie etwa die Mehrwertsteuer zu erhöhen. Zugleich wurde im Finanzministerium erwogen (so ein Zeitungsbericht), auf Grabstätten jährlich Gebühren zu erheben. Dabei ist zu bedenken, dass nach jüdischer Tradition die Toten nicht umgebettet werden dürfen. Es ist daher unbegreiflich, wie und von wem diese Abgabe eingetrieben werden soll. Dies wurde mit einer Karikatur illustriert.

Die Frage war berechtigt. Das jüdische Recht kannte zwar keine demokratischen Institutionen, sorgte aber dafür, dass keine Willkür sich breit machte. Eine Metanorm besagt:

"Man dürfe der Gemeinde nur dann eine erschwerende Verordnung auferlegen, wenn der größte Teil derselben sie ertragen kann".

Es gab also eine übergeordnete Norm, wonach man Verordnungen, Maßnahmen udgl. entweder verhinderte oder im Nachhinein außer Kraft setzten konnte. Eine Verordnung wie die Gräbersteuer ist ein Beispiel für eine unsinnige Maßnahme, die nach jüdischem Recht (meint Dr. Miller) keine Gültigkeit erlangt hätte.

Der Begriff Metanorm ist kein juristischer Begriff. Dr. Miller benutzt dieses Begriff für diejenigen Normen im jüdischen Recht, die im Laufe der Zeit als übergeordnete Normen formuliert wurden, um tägliche Normen, Maßnahmen, Gesetze etc. zu legitimieren. Eine Kommilitonin meinte, dass diese Normen mit den Grundrechten in Deutschland vergleichbar seien, wie etwa das Grundgesetz.

Nebendiskussion: wie funktionieren Friedhöfe in Israel, wenn Auflösung der Gräber nicht infrage kommt?

Es gibt einige innovative Lösungen, wie man ohne Umbettungen auskommt. Außerdem gibt es in Israel mit der Negevwüste viel unbewohntes Land.

Danach wurden einige Metanormen des jüdischen Rechts behandelt.

Zunächst aber lasen alle eine Mischna.

1. Lektüre: Die Mischna und der Kommentar von Rabbiner Bamberger.

In der Mischna wird die Überlieferungskette begründet. Hiermit wird die Überlieferungskette von Moses bis zu den Rabbinern legitimiert. Die gesamte mündliche Überlieferung beruht auf diese Tradition. Diese Kette der Überlieferung ist eine Art Dogma für die Geltung der schriftlichen und mündlichen Weisung. Das ist eine Art Glaubensbekenntnis, worauf sich die Rabbiner bis zum heutigen Tag bei ihren Entscheidungen stützen.

Bamberger erwähnt in seinem Kommentar zur Mischna eine Metanorm: "Du sollst einen Zaun um das Gesetz bauen". Gemeint ist, das um das Gesetz, den Glauben und die gesellschaftliche Ordnung aufzubewahren, Maßnahmen möglich sein sollen, für die keine Begründung in den Schriften aufzufinden ist.

Im Talmud finden sich auch Beispiele für derartige Rechtsentscheide.

- Für spontanen Beischlaf eines Mannes mit seiner Ehefrau im Freien wurde er mit Schlägen bestraft. Der Mann hat kein Gesetz übertreten; die Tora kennt kein Verbot dieser Praxis. Die Strafe basierte auf der Regel "Zaun um das Gesetz", nach dem sittenwidriges und anstößiges Verhalten dennoch zu ahnden ist, damit es zu der Verletzung der schriftlichen Lehre gar nicht erst kommt.

Die Metanorm "Der Zaun um das Gesetz" ermöglicht also dem Richter und den Gemeinden Maßnahmen zu verordnen, die nicht im Gesetz begründet sind.

2. Lektüre: Deuteronomium 15

Hier handelt es sich um das Erlassjahr. Danach wird das Thema Prosbul erörtert.

Prosbul

Wir lesen wir im Talmud, Traktat Gittin, über den Prosbul:

- Hillel der Älteste erkannte, dass das Erlassjahr in einer Geldwirtschaft nicht praktikabel war, weil es das Kreditwesen lähmte.
- Prosbul: bedeutet Schuldschein. Man überschreibt die Schuld einem Gericht. Der Schuldner schuldet also nicht mehr dem Gläubiger, sondern dem Gericht. Das war allerdings nur eine Fiktion, denn das Geld bekam trotzdem der Gläubiger.
- Im Gittin sehen wir die Beschwerden darüber, dass das mosaische Gesetz aufgehoben worden sei.

Eigentlich war der Prosbul eine Art Enteignung, und es stellte sich die Frage, wieso das Gericht das Recht hatte, über Eigentum anderer Menschen zu verfügen. Dazu lesen wir:

3. Lektüre: Esra 10

Als eines der letzten Bücher des Alten Testaments gilt das Buch Esra auch als heilig, obgleich es nicht den selben Rang hat wie die Tora.

Esra kam aus der babylonischen Gefangenschaft nach Judäa zurück. In dem Land lebten aber noch andere Völker. Um fremde Einflüsse auszuschließen, berief er alle Juden nach Jerusalem, um einen neuen Bund mit Gott zu schließen. Wer nicht käme, hätte sein Hab und Gut eingezogen bekommen.

- Im Abschnitt über Prosbul heißt es, Hillel habe sich auf diese Geschichte berufen, sodass das Gericht die Kompetenz hat, Eigentum zu beschlagnahmen.

Daraufhin entstand die Metanorm

Die Freigebung des Gerichts ist richtig. Mit anderen Worten: Das Gericht kann über fremdes Eigentum verfügen.

- Zugleich wird dort eine weitere Metanorm erwähnt:

Metanorm:
"Ein Gericht kann nur dann Bestimmungen eines anderen Gerichts aufheben, wenn es größer ist als jenes an Weisheit und Zahl". Eine Kommilitonin verglich diese Maßnahme mit dem deutschen Gerichtsverfassungs-G.

Alles geht nach dem Brauch. Diese Regel könnte ebenfalls als ein Metanorm betrachtet werden.

4. Lektüre: Baba Mezia

Es wird wieder das jüdische Arbeitsrecht besprochen. Dieses mal wurde es anhand der Frage, wie die Arbeiter angemessen zu bezahlen und zu verköstigen seien, diskutiert. Die Lösung besteht darin, dass man sich an den lokalen Gegebenheiten orientieren müsse.

Weitere Fragen:

Es wird das Thema der Konversion zum Judentum angesprochen. Die Frage lautete, ob bei Juden eine Konversion überhaupt möglich ist. Im liberalen Judentum ist das kein größeres Problem. Die Orthodoxie hingegen wehrt sich in vielen Fällen erfolgreich dagegen. Es wird nur der Prominenz erlaubt, schnell und unbürokratisch zu konvertieren. Bei anderen Personen werden umfassende Religionskenntnisse vorausgesetzt.

28. Mai 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

Zeitungsartikel

Jeder Studierende liest einen der Zeitungsartikel und berichtet darüber, was ihm auffällt.
Zweck der Übung ist, verschiedene Facetten des Talmuds kennenzulernen.

1. Humor im Talmud

Der erste Artikel handelt von der Bedeutung des Humors im Talmud. Ein bedeutender Rabbi hatte seine Ausführungen immer mit einem Witz angefangen, um dann zu ernsteren Sachen zu kommen. Als Beispiel für Humor im Talmud sollen drei kurze Geschichten daraus angeführt werden. Die Erste handelt vom Propheten Elias, der auf Bitten eines Gelehrten zeigen soll, wer ins Paradies kommt. Elias zeigt auf zwei Brüder, die fröhlich sind, Betrübte erheitern und Streit schlichten. Das zweite Beispiel ist aus dem Schuldrecht, und behandelt die Frage, ob der Entleiher für die Zerstörung eines Werkzeugs bei sachgemäßer Benutzung haften muss. Die Frage betrifft den speziellen Fall der Katze, die zum Fressen der Mäuse überlassen wurde, sich dabei überfraß und starb. Sie wird in Analogie gesetzt mit einem Mann, der zu viele Frauen hatte und daran zugrunde ging: dieser könne auch keine Ansprüche an irgendjemanden anmelden. Die dritte Geschichte handelt von Schmerzensgeld für eine Ohrfeige von einem halben Sus. Der Schuldige konnte nur einen ganzen Sus auftreiben und der Kläger hatte kein Rückgeld parat, so nutzte der Schuldige die Gelegenheit aus und gab dem Kläger eine weitere Ohrfeige zum Ausgleich.

2. Scheidung auf der Dachspitze

Der zweite Artikel behandelt das Recht der Scheidung anhand eines merkwürdigen Falles. Das Judentum sicherte die Rechte einer Frau dadurch, indem es den Mann zwang, im Falle der Scheidung einen Scheidungsbrief auszustellen und somit die Freiheit der Frau zu bescheinigen. Im modernen Israel ist der Wunsch und die Zustimmung beider Parteien wesentlich. In der Antike konnte der Mann sich mit Überreichung des Scheidungsbriefes als geschieden betrachten. Für die Überreichung war wichtig, dass der Brief in den Machtbereich der Frau gelangte: so etwa konnte er ihr zugeworfen werden – landete er in wenigen Ellen von der Frau, galt sie als geschieden.
Der eingangs erwähnte hypothetische Fall lautet wie folgt: falls der Mann den Scheidungsbrief von der Dachspitze seines Hauses seiner Frau zuwirft, und dieser Brief unterwegs verbrennt, ist die Frau dann geschieden? Die Antwort würde lauten: sie wäre dann geschieden, wenn das Feuer erst entfacht wäre, nachdem der Brief geworfen wurde. Hatte das Feuer, das den Brief anzündete, schon gebrannt, als der Mann den Brief warf, ist die Frau von ihm nicht geschieden.

3. Ehre wem Ehre gebührt.

Im Judentum konnte die Ehe entweder durch einen Geldwert (Ring), eine Urkunde oder durch den Beischlaf geschlossen werden. Der Artikel handelt von einer Frau, die in eine Jeschiwa geht, und erklärt, dass einer der Studenten mit ihr geschlafen hat und also nun ihr Gatte ist. Der Lehrer dieser Schule stellt ihr einen Scheidungsbrief aus. Daraufhin schreiben alle Studierenden ebenfalls einen Scheidungsbrief. Dadurch wurde ihr ihre Ehrbarkeit bescheinigt, sodass sie nun problemlos jemand anderen heiraten konnte. Nach Talmud handelte der Rabbi altruistisch, weil er durch sein Vorgehen seinem Schüler die Peinlichkeit ersparte, sich zu dem Beischlaf bekennen zu müssen. Nach Meinung von Dr. Miller handelt aber vor allem das Mädchen altruistisch, indem sie den Namen des Schülers nicht schon bei der Anfrage nennt, sondern zunächst anonym berichtet.

4. Rechtsvorschriften und Gleichnisse

Es wird in dem Artikel die Halachische Norm illustriert, nach der die Nutzung fremden Gutes, die bei dem Eigentümer keinen Schaden verursacht, keine Ansprüche begründet. Demgegenüber ist "ungerechtfertigte Bereicherung" ersatzpflichtig. Dazu werden folgende Beispiele genannt:

1. Wenn eine Kuh vom fremden Grundstück frisst, hat der Kuhbesitzer einen Vorteil, der Grundstücksbesitzer aber keinen Nachteil.

2. Der eine hat in einem Hof gewohnt, den der andere gar nicht vermietet hätte. Der "Hausbesetzer" muss in dem Fall nicht haften.

3. Zwei Leute haben ein Grundstück. Der eine baut einen Zaun dazwischen und will, dass der andere sich beteiligt. Der will aber nicht bezahlen, weil er angeblich kein Interesse an diesen Zäunen hat. Dem ist zu folgen, es sei denn er baut an die Zäune was dran. Dann zeigt sich nämlich, dass der Zaun durchaus erwünscht war.

4. Es wird ein Fall konstruiert, in dem ein Mann seine Schuldfähigkeit beim Jüngsten Gericht anzweifelt, weil er ohne eine Willensbekundung in die Welt geboren wurde. Dem wird vom Jüngsten Gericht nicht gefolgt, weil die Tatsache, dass er seinem Leben nicht zum frühestmöglichen Zeitpunkt ein Ende setzte, den Wunsch zu leben konkludent bestätigt.

5. Jeder ist sich selbst der Nächste

Die folgende Geschichte wird berichtet: Rabbi läuft einem Mann hinterher, sieht einen Mann mit einem blutigen Schwert und einen toten Mann. Der Rabbi fragt den Mann: „war ich es oder warst du es?“ - denn vor Gericht wird Aussage gegen Aussage stehen, so daß der Mörder nicht überführt werden kann. Es bedarf nach dem Recht der Bibel mindestens zweier Zeugen der Tat zum Verhängen der Todesstrafe. Die Frage ist: Kann man sich selbst belasten? Kann der Mörder einer der beiden Zeugen sein? Die Antwort ist: das geht nicht. Heutzutage ist das Geständnis überall als Beweismittel zugelassen. Im alten Judentum war man sich der damit verbundenen Probleme, etwa den Druck, der auf den Angeklagten ausgeübt werden kann, bewusst.
(zum Artikel)

6. Pflichten eines Ehemannes

Laut den Gelehrten der Mischna hat die Frau viele Rechte und Ansprüche gegenüber dem Ehemann. Es ist z.B. geregelt, wie oft Beischlaf stattzufinden hat. Dabei gibt es Rücksicht auf die gesellschaftlichen Verhältnisse: Ein reicher Mann muss mehr Sex mit seiner Frau haben als einer, der hart körperlich arbeitet. Im Ehebrief wurde die Summe bestimmt, die der Mann der Frau bei der Scheidung zahlen muss. Diese kann die Frau einfordern, falls der Mann seine Pflichten nicht erfüllt.

Auch Schriftgelehrte mussten wöchentlich ihrer Frau beischlafen, durften aber allgemein 30 Tage wegbleiben (Studienaufenthalte). Rabbi Akiba ist 12 Jahre weggewesen, dann kam er zurück, dann war er wieder 12 Jahre weg: Laut Talmud hätte die Ehe in einem solchen Fall keinen Sinn.

Ein Mann hatte bei seiner kurzen Rückkehr von seinem Studienaufenthalt seine Frau ignoriert. Die Frau weinte, wonach der Mann bei dem Kollaps eines Hauses ums Leben kam. Die Lehre daraus ist: Männer dürfen nicht rücksichtslos gegenüber ihren Frauen sein. Die Tore des Himmels sind für Tränen immer offen.
(zum Artikel)

7. Mord im Tempel von Jerusalem

Es wird eine Geschichte aus der Mischna referiert: zwei Priester opferten im Tempel am Altar und waren dabei übermäßig eifrig. Aus Ehrgeiz, als erster das Opfer erbringen zu können, hatte ein Priesterjüngling den anderen geschubst. Das führte zu einer Verletzung, worauf man diesen Brauch kritisiert hat.

In der Gemara wird diese Geschichte zugespitzt: Eines Tages hat ein Priester den anderen aus eifrigem Ehrgeiz, als erster zu opfern, erstochen. Anstatt aber, dass die anwesenden Gelehrten sich um den Verletzten kümmern würden, diskutierten sie ein Sühneopfer. Ja selbst der Vater kümmerte sich eher um die Reinheit des Opfermessers (Berührungen mit den Toten galten im Judentum als verunreinigend) als um seinen tödlich verwundeten Sohn..

Daraus folgt: Menschliches Leben wurde in unzulässiger Weise außer Acht gelassen zugunsten von Form. Die Priester handelten nicht mehr im Geiste von Propheten wie Jesaja, der stets die sozialen Probleme angemahnt hat. Am Ende folgt die Aussage, dass der Tempel von Jerusalem als Strafe für diese inakzeptable Missachtung des menschlichen Lebens zerstört wurde.

Diese Aussage: „Und deshalb wurde der Tempel zerstört“ gehört zu den üblichen talmudischen Floskeln, wenn man ganz besonders unerträgliche Missstände aus der Zeit des Tempels anmahnen will. Die Zerstörung des Tempels von Jerusalem galt vor der Schoah als die größte Katastrophe des Judentums.

4. Juni 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

A. Es werden drei Texte aus dem Talmud von den Studierenden gelesen, dargestellt und diskutiert

1. Baba Mezia 30b.

Ein Rabbi trifft auf einen Mann, der ihn bittet, ihm ein Bündel Holz aufheben zu helfen. Der Rabbi hat keine Lust darauf, fragt den Mann, was das Bündel Holz wert ist, kauft ihm das Bündel ab und gibt dieses frei.

Daraufhin nimmt der Mann das Bündel Holz erneut in seinen Besitz und bittet den Rabbi erneut um Hilfe. Der Rabbi kauft ihm das Bündel erneut ab und sagt, dass er es erneut freigibt, allerdings für alle Menschen außer dem Mann, damit er es nicht erneut in Besitz nehmen kann.

Nach talmudisch geltendem Recht gesehen kann der Rabbi allerdings nicht einzelne von der Freigabe ausschließen. Er hielt den Mann vielmehr durch „leere Worte“ davon ab, das Bündel erneut in sein Besitz zu bringen. Eigentlich, so der Talmud, war der Rabbi nicht verpflichtet, dem Holzträger zu helfen, da er zu alt dafür war. Somit hätte er ihm das Holz auch nicht abkaufen müssen. Der Rabbi handelte also nicht nach dem Buchstaben des Gesetzes, sondern nach dem, was billig ist.

Daraufhin erinnert die Gemara, dass Rabbi Jochanan gesagt hatte, Jerusalem wurde deshalb zerstört, weil dort nur nach der Tora gerichtet wurde. Die Gemara stellt daraufhin eine rhetorische Frage: Hätte man sich denn nicht nach dem Gesetz der Tora, sondern „nach dem Dorfrechte“ richten sollen? Die Antwort darauf lautet, dass man nicht nur den Buchstaben des Gesetzes, sondern auch das Billigkeitsrecht zu beachten gehabt hätte.


2. Baba Mezia 24 b

Graupenstraße. Der Finder eines Geldbeutels darf ihn grundsätzlich behalten, wenn der Fund auf einem öffentlichen Ort wie der Graupenstraße, wo viele Menschen verkehren, gemacht wurde. Dies weil der Besitzer nicht zu ermitteln ist. Meldet sich der Besitzer trotzdem, kann er seinen Geldbeutel nicht einfordern. Der Finder könnte allerdings aus moralischen Erwägungen sich dafür entscheiden, den Geldbeutel trotz seines Anspruchs zurückzugeben, ist jedoch dazu nicht verpflichtet.

Der Finder eines Esels darf sich diesen aneignen, sofern sich innerhalb eines Jahres niemand meldet und diesen Esel zurückfordert. Rabbi Schmuel hat einst in der Wüste einen Esel gefunden und hat ihn dem Besitzer, der sich nach dem Ablauf von zwölf Monaten gemeldet hat, zurückgegeben, obwohl er es nicht hätte tun müssen. Er hat eben nicht nach dem strengen Recht, sondern nach dem, was billig ist, gehandelt.


3. Baba Mezia 83 a

Tragestange/Hebestange

Wer eine für zwei Personen ausgelegte Tragestange alleine trägt, muss für die Güter, die bei der unsachgemäßen Verwendung womöglich zu Bruch gehen, Ersatz leisten.

Zwei Lastträger haben während der Ausübung ihrer Aufgabe ein Fass Wein von einem Rabbi kaputtgemacht. Der Rabbi hat als Ersatz die Gewänder der Träger beibehalten. Die Lastträger gingen zu Raw und klagten gegen den Rabbi. Dieser entschied, dass die Gewänder zurückgegeben werden müssen. Der Rabbi fragte „ist es denn nach dem Gesetz so?“, worauf Raw antwortete, dass man sich nicht ausschließlich nach dem Gesetz richten soll, sondern "auf dem Pfade der Guten wandeln sollte". Der Raw verfügt auch, dass der Rabbi den Lastträgern ihr Gehalt zu zahlen hat. Der Rabbi fragt abermals: „schreibt es das Gesetz so vor?“, worauf der Raw folgendermaßen antwortet: „Und die Pfade der Gerechten sollst du beobachten“.

4. Schlussfolgerung:

Diese drei Beispiele zeigen uns, wie die Gelehrten das Gesetz, das manchmal und im Einzelfall zu streng sein kann, modifiziert haben, indem sie durch das Verhalten von bekannten Persönlichkeiten und in Anlehnung an Aussagen der Bibel ein Billigkeitsrecht schufen, das im Laufe der Zeit zu einer festen Institution im jüdischen Recht wurde.


B. Es wird der Begriff des jüdischen Rechts besprochen.

Da man sich im Allgemeinen unter dem Begriff "Jüdisches Recht" nicht viel vorstellen kann, lesen die Studierenden Texte, die sie diesem Begriff näher bringen sollen. Insbesondere sollen mit der Besprechung dieser Texte die Studierenden in die Lage kommen, sich und anderen Personen erklären zu können, was es mit dem Studium dieses Faches auf sich hat.

1. Negative Begriffsbestimmung.

Das jüdische Recht ist nicht geltendes Recht des Staates Israel. Ebenso wenig ist es ein Recht, dass das Leben der Juden in der Diaspora regelt: sie leben nach dem geltenden Recht der Staaten, in denen sie leben. Es ist auch kein bloßes „Synagogenrecht“ (eine Art jüdisches Kirchenrecht). Jüdisches Recht ist auch nicht insofern mit dem römischen Recht zu vergleichen, als dass letzteres einen immensen Einfluss auf die gegenwärtigen Rechtssysteme ausgeübt hat, während ersteres selbst im Recht Israels nicht durchgängig Niederschlag findet. Gleichwohl lässt sich jüdisches Recht mit römischem Recht auf dem Gebiet der Entstehung durch eine Aufschichtung der Lehrmeinungen vieler Jahrhunderte und der damit verbundenen Rechtsfortbildung vergleichen.

2. Positive Begriffsbestimmung:

Für eine positive Begriffsbestimmung sollte man die geschichtlichen Wurzeln betrachten. Diese liegen in den fünf Büchern Mose, die im 5. Jahrhundert vdZ zusammengeschrieben wurden. In dem Sinne ist es Mosaisches Recht.

Im 2. Buch Mose finden sich zum einen die 10 Gebote, zum anderen Vorschriften wie die Rechtsstellung der jüdischen Sklaven etc., außerdem stehen dort ethische Normen und Glaubensvorschriften wie der Sabbat, Regelungen für den Bau des Tempels und liturgische Vorschriften. Im 3. Buch Mose findet sich das Priesterrecht. Das mosaische Recht ist kein einheitliches, systematisches Recht. Es soll vielmehr die Verständigungsschwierigkeiten des gemeinen Volkes beseitigen.

Das göttliche Recht (ius divinum) ist dabei von dem menschlichen (ius humanum) gar nicht zu trennen. Im Mosaischen Recht sind die 10 Gebote und die 5 Bücher Mose der Ausgangspunkt des Glaubens und damit unveränderbar. Um ein unveränderbares Gesetz mit einer sich verändernden Welt in Einklang zu bringen, bedarf es nach einer gewissen Zeit neuer, aktuellerer Interpretationen.

In der Tora stehen beispielsweise Normen wie „Auge um Auge“. Anfangs wurden sie möglicherweise auch so praktiziert. Danach hat man ihnen durch das Prinzip eines Schadensersatzes neuen Sinn gegeben. Im Mose 5, 21. steht, man möge ein ungehorsames Kind hinrichten. Um dieser in neuerer Zeit barbarisch anmutenden Norm aus dem Weg zu gehen, haben die Talmudgelehrten bereits seinerzeit festgestellt, dass es keine widerspenstigen Söhne im Sinne dieser Norm gibt und dass es solche auch nie geben wird.

Schon in der Tora ist die Möglichkeit, das Recht verschieden auszulegen, eingeräumt, indem festgelegt ist, dass man vor den Richter treten soll, der zu der jeweiligen Zeit amtiert, und dass sein Richtspruch bindend ist.

Auch explizite, unabänderliche Regeln aus der Tora können eine Aufhebung erfahren: nach den 10 Geboten kann die für einen Verstorbenen bestimmte Strafe vererbt werden. Die Talmudgelehrten haben diese Norm mit der Argumentation ignoriert, dass Prophet Ezekiel das mit dem Satz „die Seele, die sündigt, soll sterben“ aufgehoben habe. Die Grundgesetze des jüdischen Rechts ergeben sich aus der Tora. Somit handelt es sich um „Offenbartes Recht“. Ein wichtiger Grundsatz ist dabei der der Gleichheit aller Menschen.

3. Jüdisches Recht auf Wanderschaft.

Das Königreich Judäa ist im 6. Jh. vdZ. durch die babylonische Eroberung zusammengebrochen und sodann immer zeitweise wiederaufgestiegen, bis das römische Reich die jüdische Staatlichkeit bis in die Neuzeit dauerhaft vernichtete. Die Blüte des jüdischen Rechtswesens war in Babylonien des 3.- 7. Jahrhunderts unserer Zeitrechnung. Danach gab es eine Wanderung der Juden, wobei man das Recht vor Ort weiterhin diskutiert hat. Die zeitgenössischen Rechtssysteme wurden dadurch zwar ein wenig beeinflusst aber dennoch hat die Rezeption des jüdischen Rechts nur eine begrenzte Auswirkung auf modernes europäisches Recht.


Zum Schluss erzählt Dr. Miller eine Anekdote aus dem Leben des Hillel, der vor das Problem gestellt wurde, das jüdische Recht in Kürze zu definieren.

Einst trat ein Nichtjude vor Hillel und spracht zu ihm: Ich will Jude werden unter der Bedingung, dass du mich die ganze Tora lehrst, während ich auf einem Fuße stehe. Hillel sprach zu ihm: Was dir verhasst ist, das tu deinem Nächsten nicht. Das ist die ganze Tora und alles andere ist nur die Erläuterung, geh und lerne sie!

In diesem Sinne ist auch die heutige Einführung zur Erläuterung des Begriffs "Jüdisches Recht" zu verstehen.


11. Juni 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

Organisatorisches

Es wird angemerkt, dass einmaliges Fehlen unproblematisch ist, das zweite Mal anzumelden ist, dreimaliges Fehlen inakzeptabel ist.

I. Referat: Rechtsphilosophie

Es wird ein Artikel von Ze'ev Falk, „Jüdisches Religionsgesetz in der Modernen und Postmodernen Welt“ referiert.(ZEEV FALK, „Jewish Religious Law in the Modern (And Postmodern) World“, in: Journal of Law and Religion, Bd. 11, Nr. 2 (1994/1995), S. 465-466.)

Zur Anleitung merkt Dr. Miller an, dass das jüdische Recht und die jüdische Religion zusammenhängen. Was für Recht gilt, gilt auch für die Religion, und umgekehrt. Es ist bei aller Bestrebung, sich innerhalb dieser Veranstaltung auf rechtliche Fragen zu konzentrieren, nicht immer möglich, dazwischen zu trennen.

Die Referentin fängt damit an, die Konzepte der Halacha und der Moderne zu definieren.

Die Halacha

Die Tora beinhaltet laut Falk Erzählungen (Agada), Glaubensfragen (Emuna), Moral (Derech Erez) und Gesetz (Halacha). Moral und Glaubensfragen ergänzen dabei die rechtlichen Regelungen. Orthodoxe Juden halten sich streng an die Vorgaben der Halacha. Konservative und progressive Juden halten sich in verschiedenem Maße daran – für sie ist es eine Frage ihres eigenen Gewissens.

Die Moderne

Die Moderne wird von Falk mit Rationalismus und Universalismus in Verbindung gebracht. Moses Mendelssohn, der Vordenker der Haskala (jüdische Aufklärung), trennte zwischen „ewigen“ und „historischen“ Wahrheiten in der Bibel. Die ewigen Wahrheiten sind mit menschlicher Vernunft erfassbar (rational) und für alle Menschen gleichermaßen gültig (universell). Die historischen Wahrheiten sind die eigentümlich jüdischen Regeln, die Gott Moses am Berg Sinai übergab.

Sodann wird auf den Einfluss der Modernisierungsprozesse der jeweiligen Rechtswissenschaft auf das jüdische Recht eingegangen:

- Im englischen Recht werden um 1800 Forderungen nach einer Erneuerung des Gesetzes nach utilitären Prinzipien laut. Zugleich entsteht dort das Reformjudentum, das die Rückkehr nach Zion, den Wiederaufbau des Tempels und die Opfer ablehnt.

- In Deutschland entsteht im 19. Jahrhundert die Pandektenwissenschaft, eine minutiöse Auseinandersetzung mit dem römischen Recht. Die „Wissenschaft des Judentums“ bediente sich derselben Methode, um die jüdischen Rechtsquellen systematisch auslegen zu können. Das Konservative Judentum bedient sich hingegen der „soziologischen Rechtspflege“, die Normen als einem Zweck dienlich verstehen. Das orthodoxe Judentum hingegen nutzte den Rechtspositivismus, um ihre strenge Auslegung der Normen vor moralischer und historisch-gesellschaftlicher Kritik zu schützen.

- In Skandinavien und den Vereinigten Staaten entstehen im 20. Jahrhundert verschiedene rechtswissenschaftliche Theorien, deren Auswirkungen auf den Umgang mit der Halacha noch schwer abzusehen sind.

Danach wird auf die Entwicklung des jüdischen Rechts eingegangen.

- Das vormoderne jüdische Recht spiegelt die Reaktionen der Rabbiner auf Argumente der zeitgenössischen Kritiker wie Samariter, Sadduzäer, Christen, Muslime, Karäer und anderen wider. Dabei war ihre Authentizität ihr stärkstes Argument für ihren Glauben.

- Während aber neue Offenbarungen von außen, wie etwa die christliche Heilsbotschaft, entschieden abgelehnt wurden, wurde die Tora selbst flexibel ausgelegt. Jeder neuen Generation war grundsätzlich eine Neuauslegung zugebilligt.

- Die gemeinsame Tradition zerbrach mit der Aufteilung in „orthodoxes“, „konservatives“ und „liberales“ Judentum. Der theologische Diskurs unter den verschiedenen Richtungen war Mangels Konsens in Kernfragen nicht mehr möglich.

Die rechtsphilosophischen Probleme, mit denen sich nach Falks Meinung das orthodoxe Judentum auseinandersetzen müssen wird, werden daraufhin aufgelistet:

- Das kartesische Konzept des universalen Zweifels, da die Halacha den Meinungspluralismus voraussetzt.

- Rationalismus, da er schon in der Ablehnung von Prophezeiungen und Wundern angelegt ist und da die Halacha selbst verlangt, neu interpretiert zu werden und vom Buchstaben des Textes abzuweichen, um vernünftige Entscheidungen zu treffen.

- Das demokratische Prinzip: es sollen nicht Rabbiner allein in Glaubensfragen entscheiden. Auch dies habe einen Präzedenzfall in der Geschichte der Chanukka, die per Akklamation zum Feiertag erklärt worden sei.

- Chanukka ist ein Fest, das eines Wunders gedenkt – die aufständischen Juden haben unter der Führung der Makkabäerbrüder die griechischen Eroberer aus Jerusalem und dem Tempel vertrieben. Auf wundersame Weise reichte das geweihte Öl acht Tage lang aus, um den Tempel zu beleuchten, bis neues Öl herangeschafft werden konnte.

- Dr. Miller merkt an, dass es bessere Beispiele für das demokratische Prinzip gibt. So wurde die Auffindung des 5. Buches Mose und die Gültigkeit dieses Buches unter König Josia um 7. Jh. v.d.Z. durch das Volk bestätigt, welches dafür nach Jerusalem bestellt wurde. Eine ähnliche Situation finden wir bei Esra um 450 v.d.Z.

Die Postmoderne

Sodann wird die Postmoderne angesprochen. Das epochale Ergebnis ist dabei die Schoah, die viele Menschen an der Verbindlichkeit der Ideale der Moderne zweifeln ließ. Die kritische Rechtswissenschaft hat sowohl die Legitimität der Gesetze und Rechtssysteme als solche als auch die prozessualen Regelungen und den Diskurs über das Recht in Frage gestellt. Die Möglichkeit einer objektiven Auslegung irgendeinen Textes wurde verneint und verworfen. Ze'ev Falk führt Postmoderne im Wesentlichen auf drei Denker zurück: Karl Popper, Ludwig Wittgenstein und Emanuel Levinas.

-  Popper verwirft alle nicht falsifizierbaren Theorien und Gedankensysteme als unwissenschaftlich.
-  Wittgenstein verneint die Möglichkeit, durch Sprache empirische Wahrheit auszudrücken. Vielmehr sei die Sprache selbst ein System, in dem jeder Ausdruck bestimmten Regeln folgen muss.
-  Levinas rebelliert gegen den Historismus und gegen die ontologische Philosophie, und baut seine Philosophie auf Basis der Ethik des Pluralismus und des sich-um-den-anderen-Kümmerns.

   Eine wichtige Rolle spielte zudem zum einen die Schoa, indem sie die Juden vom Modernismus entfremdete. Der Rationalismus hat nicht dazu geführt, dass derart barbarische Verbrechen unmöglich wurden, und hat damit also versagt. Zum anderen führte der selbstaufopfernde Kampf um das Existenzrecht des Staates Israel zur Rückkehr zum Glauben an Gott, da sonst die ganzen Opfer umsonst gewesen seien.

  Im westlichen Diskurs war der Postmodernismus eine Antwort auf die Totalitarismen des 20. Jahrhunderts und den Bankrott sämtlicher modernistischer Philosophien. Eine der Folgen des Postmodernismus waren die Radikalen Theologien, wie die christliche „Gott-ist-tot“-Theologie. Jüdische Denker haben aus den Erfahrungen der Schoa die Gottlosigkeit der Weltgeschichte und die Unmöglichkeit der Wunder abgeleitet.

Postmodernismus und Gesetz

  Die critical law studies stellten die Objektivität des Gesetzes, die Bedeutung der Gesetzestexte und die Legitimität der Rechtspflege an sich in Frage. Rechtskonzepte lassen sich nicht objektiv definieren, und jede Vertragsseite schafft ihr eigenes Gerechtigkeitsnarrativ.

Postmodernismus und Judentum

  In den Vereinigten Staaten hat die rabbinische Rechtsprechung an Attraktivität gewonnen, weil sie nicht repressiv (da nicht auf Staatsgewalt beruhend) und pluralistisch (Midrasch!) sei. Dem stellt Falk entgegen, dass die Halacha durchaus genauso repressiv sein kann wie jedes andere Gesetz.

  Das nichtorthodoxe Judentum überlässt nach Falk heutzutage die moralischen Entscheidungen dem Gewissen des Einzelnen, wodurch diese Entscheidungen beliebig werden. Auf der Suche nach einem strukturierteren Leben wenden sich viele jüdische und nichtjüdische Amerikaner deshalb dem religiösen Fundamentalismus zu.

  Eugene Borowitz berichtet in seiner „Theology of Covenant“ von seiner Erfahrung mit dem Göttlichen. Da Rationalismus und Wissenschaft wie oben gesehen keine absoluten Wahrheiten anbieten können und der menschliche Verstand keinen verlässlichen moralischen Kompass anbietet, ersetzt er die diskreditierten „universellen Werte“ durch die Halacha. Dem können aber freilich nicht alle Juden folgen, da seine Entscheidung für die Halacha subjektiv ist.

  Orthodoxe Juden nutzen den Postmodernismus um die moralische und rationalistische Kritik der Halacha zu delegitimieren. Sie übersehen dabei aber, dass das postmoderne Gedankengut die absoluten Orthodoxien mindestens genauso delegitimiert wie den Rationalismus.

  In Israel manifestiert sich das postmoderne Gedankengut unter anderem darin, dass während Nichtjuden eine Glaubensfreiheit genießen, Juden verschiedenen religiösen Gesetzen unterworfen sind, wogegen die Säkularisten protestieren. Die Forderung nach einer Trennung von Religion und Staat ist nach Falk nicht nur klassisch liberal, sondern auch postmodern, weil sie alle Werte hinterfragt.

  Ein anderes Beispiel für die Postmoderne ist die revisionistische Geschichtsschreibung, die die Gründungsgeschichte Israels und die Schoa neu thematisiert und die früher aus politischen Gründen verworfenen Ansichten rezipiert und diskutiert.

  Als drittes Beispiel führt Falk die Forderung von Ravitzky auf, den messianischen Zionismus zu revidieren, weil er den Verhandlungsspielraum im Friedensprozess schmälere.

Die postmoderne Herausforderung an die Wahrheit und die Antwort in der Tora

   Nachdem Nietzsche Gott und alle Werte hinterfragt und Wittgenstein die Bedeutsamkeit einer sprachlich ausgedrückten Festlegung negiert hat, stellt sich die Frage, inwiefern die Normen der Tora in dieser Perspektive absolute Relevanz haben können. Falk versucht demgegenüber wie folgt zu argumentieren:
-  Die jüdische Geschichte, mit einer Staatsgründung nach 18 Jahrhunderten Vertreibung und den unwahrscheinlichen Siegen gegen die arabische Übermacht könne die Aussage widerlegen, dass jüdische Geschichte frei von Gott sei.
-  Nicht nur sind die Konzepte der Tora sprachlich ausgedrückt, sondern das Konzept einer Wahrheit an sich selbst. Darum kann die Frage nach der „Wahrheit“ der Tora ebenfalls als ein „Sprachspiel“ verstanden werden. Sodann führt Falk einige mögliche liberale, pluralistische oder universalistische Interpretationen der Regelungen in der Tora an:
-  Der Henotheismus in der Tora etwa, die implizite Bejahung anderer Götter und Normen unterschiedlicher Völker, die an verschiedenen Stellen offensichtlich wird, könne dergestalt interpretiert werden, dass das Auserwähltsein der Juden im Kontext der Bibel und der jüdischen Geschichte verstanden werden müsse.
-  Die Schoa beweise nicht, dass es keinen Gott gebe, da ja jeder die vorliegenden Fakten und Ereignisse stets so interpretiert, dass sie in sein Weltbild passen. Ein Atheist sieht alles als Beweis für Atheismus, ein Religiöser alles als Beweis für seine Religion.
   Nach Nietzsche und Wittgenstein muss der jüdische Rechtsdiskurs zu einem Gespräch werden. Während die Orthodoxen durch ihre Präferenz gegenüber der Religionspraxis das liberale Judentum tolerieren können, können die Liberalen Legitimität für ihre laschere Praxis aus der Schoa schöpfen, die eine Neuverhandlung des Bundes mit Gott auf Basis freiwilligen Befolgens der Gebote und Verbote bedeuten müsse.
   Das Jüdische Recht ergibt auch dann einen Sinn, wenn es nicht als eine hierarchische, einheitliche, kohärente und geschlossene Einheit interpretiert wird. Nach der kritischen Theorie interpretiert, schuf der Bund mit Gott eine neue, souveräne Autorität: „Das Gesetz“, die auf Verständigung, nicht etwa auf Wahrheit basiert. Die Tora erschließt sich in einer Autor-Leser-Beziehung zwischen Gott und der jeweiligen interpretierenden Generation. Dabei ist die Intention des Autors, also Gottes, nicht so wesentlich wie die Interpretation durch die jeweilige Lesergemeinschaft. Entgegen dem griechisch-christlichen Logozentrismus versucht der Midrasch eben nicht, die Intention des Autors zu ergründen, sondern generiert die Bedeutung unmittelbar aus dem vorliegenden Text. Falk schränkt dies allerdings dergestalt ein, dass das jüdische Recht dennoch nur in Beziehung mit Gott sinnhaft ist. Die Berechtigung des Lesers, den Text zu interpretieren, ist von Gott an die Menschen delegiert und im Sinne der göttlichen Intention zu nutzen.
   Das jüdische Recht wird mitunter als eine Antithese des modernen amerikanischen Rechts gesehen, dem es als Vorbild zur Transformation in ein postmodern-pluralistisches Rechtssystem dienen könne. Das jüdische Recht enthält Mindermeinungen und führt eine Menge sowohl an alten, als auch an neueren und modernen Interpretationen und Entscheidungen auf, was die Flexibilität des Rechts offenbart.
   Diese Flexibilität ist umso wichtiger, da seit einiger Zeit religiöse und weltliche Entscheidungen de facto getrennt und eine Mehrheit der Juden säkularisiert ist, sodass die Entscheidung eines Rabbiners nur insoweit bindend sein kann, wie die Beteiligten bereit sind, sie als solche zu akzeptieren. Da das jüdische Recht zudem nicht nur zur Verehrung Gottes gedacht ist, sondern auch als der Weg zu Gott, müssen die rechtlichen Entscheidungen auf diese letztere Eigenschaft hin überprüft werden. Generell müsse, so Falk, das jüdische Recht weniger legalistisch sein, sondern mehr auf moralische Anleitung und die inneren Werte abzielen. Dazu gehört auch, dass das jüdische Recht die Standpunkte der historisch marginalisierten Gruppen wie der Frauen oder der Kinder aus Mischehen in den Diskurs mit anfnimmt. Wird das orthodoxe Rabbinat es nicht tun, wird der Staat womöglich alternative Rabbinate anerkennen.

Eine Antwort auf die Herausforderung: Das jüdische Recht

   Das jüdische Recht hat nach der Meinung von Falk immer noch eine Chance, säkulare Menschen anzusprechen und ihnen einen Ausweg aus ihrem Nihilismus, Subjektivismus und Anarchismus zu weisen. Dazu müsse das Hinterfragen rabbinischer Autoritäten kreativ beantwortet werden. Chilonijut, das säkulare Judentum, lehnt lediglich den Klerikalismus und den religiösen Druck ab, nicht aber die Religiosität an sich. Viele Chilonim gehen zu Gottesdiensten und heiligen einige Formen des Sabbat. Sie lehnen das jüdische Recht an sich nicht ab, aber behalten es sich vor, selektiv darin zu sein. Darum werden sie das orthodoxe Rabbinat als illegitim und autoritätslos ablehnen, solange es absolute Forderungen stellt. Eine nichtautoritäre Handhabe des jüdischen Rechts, die zur Befolgung mancher Regeln einlädt, hat eine deutlich höhere Chance auf einen Erfolg. Das jüdische Recht kann daher eine moderierende Rolle in einer individuellen Begegnung mit der Religion spielen.
   Einige konservative Denker behaupten, dass die Flexibilität der Halacha ein Dogma des jüdischen Glaubens sei. Andere haben auf die Gefahr des allgemeinen Geltungsanspruchs der Orthodoxie hingewiesen. Weitere Denker haben dem angefügt, dass heutzutage das individuelle Gewissen nicht vor der Halacha kapitulieren könne, daher eine neue halachische Struktur zu schaffen ist.
   Besonders im Staat Israel müsse das jüdische Recht, so Falk, inklusiv sein und die Rechte jüdischer "Ketzer" und der Nichtjuden akzeptieren, ohne sie zu richten oder zu verdammen. Während eine Form des Pluralismus unter den Rabbis vorherrschend war, erstreckte sie sich nicht auf nichtrabbinische Meinungen und schloss Samariter, Christen und andere aus. Theoretisch könnte das jüdische Recht aber auch nach orthodoxer Auslegung viel inklusiver, toleranter und pluralistischer sein. So könnten Ketzer als notwendige Folge der für den Gottesdienst notwendigen Freiheit des Willens angesehen werden. Toleranz und Pluralismus sind, so Falk, ohnehin keine Frage der Halacha sondern persönliche Einstellungen, wobei die genannten Eigenschaften im Interesse der orthodoxen Rabbiner seien, da das jüdische Recht in Israel in einer multikulturellen, pluralistischen und individualistischen Gesellschaft einer liberalen Demokratie funktionieren müsse. Dazu hat die Orthodoxie schon einen modus vivendi mit so heterodoxen Strömungen wie den Mitnagdim, den Chassidim und den Sephardim gefunden.
   Ferner liefert Falk eine aus der Überlieferung auf dem Berg Sinai und aus der Koexistenz der Schulen von Hillel und Schammaj abgeleitete Begründung dafür, dass der jüdische Glaube trotz unüberbrückbarer Unterschiede eine Gemeinschaft bilden kann. Zuletzt will Falk eine ökologische Komponente im jüdischen Recht stärker betont sehen, ebenso die Prinzipien des Friedens, der Bescheidenheit und der Selbstbeschränkung, die in einer postmodernen Gesellschaft stärker gefragt sein könnten.

Schlussfolgerung
   Die Herausforderungen der Moderne und Postmoderne an das jüdische Recht erfordert nach Falk Antworten nicht nur von Seiten der Rabbiner, sondern von jedem Angehörigen des Volkes Israel. Da es keine Strukturen wie einen Weltsynagogenrat gibt, werden diese Antworten stets spontan und einseitig gegeben. Die Herausforderung selbst ist, wie man die Tora und Halacha in heutiger Zeit mit neuem Leben füllt, damit sich die Menschen ihnen wieder verbunden fühlen können. Dabei habe Israel wieder einen Vorbildcharakter für die ganze Menschheit.

II. Gruppenarbeit

Es wird die Geschichte der Debatte um die Reinheit des Schlangenofens besprochen. Der Schlangenofen ist ein aus mehreren Teilen bestehender Ofen. Die Frage war: „wenn ein Bauteil des Ofens (im religiösen Sinne) verunreinigt wurde, dann aber durch einen reinen Bauteil ersetzt wurde, ist der Ofen insgesamt rein oder unrein?“. Alle Rabbiner waren in dieser Frage der Meinung, dass der Ofen unrein ist, nur Rabbi Elieser versuchte, seinen gegenteiligen Standpunkt durch eine Reihe von Wundern zu belegen.

Die erste Gruppe sollte dabei juristische Aspekte der Geschichte besprechen. Die zweite die gesellschaftlich-mystischen. Die erste Gruppe hat dem Protokollanten ihre Ergebnisse leider nicht zukommen lassen.

Die zweite Gruppe erörterte, ob der letzte Abschnitt des Textes, in dem überliefert ist, dass Gott „meine Kinder haben mich besiegt“ sagt, nicht blasphemisch sei. Judentum kennt das Konzept der Blasphemie aber nicht wirklich. Es wird die Frage aufgeworfen, wie der Rabbiner die Wunder gewirkt hat. Außerdem wird vermerkt, dass das Festhalten an Mehrheitsmeinung trotz wundersamer Beweise des Gegenteils ein demokratisches Element sei.

III. Nachtrag:

I. Gruppenarbeit

- Rechtliche Aspekte:

• Mängelhaftung: Zerlegung des Schlangenofens

• Demokratie/- Mehrheitsprinzip: Wird das Gesetz von der Mehrheit abgestimmt bzw. geändert?

• Gesetzgebung: Wer hat mehr Entscheidungsrechte? Gott oder die Gelehrten als Gesetzgeber?

- Rechtsstaatsprinzip

• Wie kann diese himmlische Stimme zur geltenden Norm werden?

Einzel-Analyse

- Rabbi Elieser argumentierte und brachte alle ihm möglichen Argumente/Nachweise um seine Ansicht zu fundieren

- Seine Argumente wurden von der Mehrheit abgelehnt

- Daraufhin bringt der Rabbi mehrere Beweise für seine Meinung in Form von einem Johannisbrotbaum, den Mauern der Lehrhauses und einer Wasserströmung, die ihm als Zeugen dienen sollen

- Es werde alle „Beweise“ oder „Zeugen“ nicht anerkannt

- Rabbi Elieser bringt nun einen Beweis aus dem Himmel, indem eine Stimme aus dem Himmel zu ihnen sagt: „dass die geltende Norm stets so ist, wie Rabbi Elieser es sagt.“

- Dann wird von Rabbis Jehoschua und Jirmija gesagt, dass die Tora sich nicht mehr im Himmel befindet und somit müsste man sich nach der Mehrheit und nicht nach dem „himmlischen Wort“ richten.

In dem Text geht es um die Auslegung der Tora (und um die Beweisführung/Beweiserbringung).



2. Juli 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

Referat: Tanaische Zeit

Die Tanaische Zeit ist ca. die Zeitspanne von der Zeitenwende bis zum Anfang des dritten Jahrhunderts.

Nach der Erbauung des Tempels in der Regierungszeit des König Salomo (Mitte 11 Jh. v.d.Z.) gab es zum ersten Mal eine Möglichkeit, einen Opferkult zentral auszuüben. Nach dem Tod des König Salomo zerfiel das jüdische Königreich in die Teilkönigreiche Juda im Süden, mit der Hauptstadt Jerusalem, und Israel im Norden, mit der Hauptstadt Sichem. Das Königreich Israel wurde etwa 200 Jahre später, um 720 v.d.Z., von den Assyrern vernichtet. Aus ihren Nachfahren bildeten sich die Samariter. Etwa zur gleichen Zeit verbat König Hiskija die Ausübung des Kultes jenseits des Tempels, wodurch Jerusalem zum religiösen Zentrum wurde.

Weitere 100 Jahre später gerät auch Juda unter die Fremdherrschaft der Babylonier, die die Assyrer als Großmacht inzwischen abgelöst haben. Nach mehreren Kriegen in den Jahren 605-586 v.d.Z. wird ein großer Teil der jüdischen Bevölkerung und vor allem ihre Eliten nach Babylonien (im heutigen Irak) deportiert.

539 v.d.Z. erobert König Kyros der Große von Persien Babylon und nimmt das Babylonische Reich in seinen Besitz. Die Juden erhalten das Recht, nach Juda zurückzukehren, aber nur wenige Tausend nehmen davon Gebrauch. Unter der persischen Oberhoheit genießen die Juden eine Autonomie und leben nach jüdischem Recht unter der Jurisdiktion von Priestern und Rabbinern.

Ab 333 v.d.Z. erobert Alexander der Große den Nahen Osten. Im neugegründeten Alexandria entsteht eine große jüdische Gemeinde. Sein Reich wird nach seinem Tod in einer Reihe von Bürgerkriegen („Diadochenkriege“) unter seinen Generälen und ihren Nachkommen aufgeteilt. Juda fällt in den Machtbereich der Seleukiden, die versuchen, in ihrem Reich die griechische Kultur zu verbreiten. Der Seleukidenkönig Antiochos III. versucht Anreize für eine forcierte Hellenisierung zu schaffen. Im Tempel in Jerusalem soll nun auch Zeus angebetet werden. Viele Juden beten nun sowohl zu ihrem Gott als auch zu Zeus. Unter seinem Sohn, Antiochos IV., verschärft sich der Konflikt, da die jüdische Religion als solche verboten wird: es ist nur noch Zeus und Antiochos selbst anzubeten.

Es kommt zu einem Aufstand (Makkabäeraufstand), wodurch Juda wieder die staatliche Unabhängigkeit erlangt. Die Führer des Aufstands gründen eine einheimische Dynastie. In folgender Zeit kommt es häufiger zu Thronfolgestreitigkeiten, wobei beide Parteien bei den Römern um Unterstützung ersuchen. Die Römer ergreifen von dem Land Besitz und ersetzen die lokale Dynastie durch Herodes, den Sohn eines Höflings und eines ethnischen Idumäers. Als Idumäer wird Herodes vom Volk nicht als König akzeptiert, und muss zum einen die Aufstände gewaltsam unterdrücken, zum anderen versucht er, das Volk durch einen Ausbau des Tempels zu besänftigen.

Die Unruhen nehmen nach dem Tod des Herodes nicht ab. Nach einem der Aufstände wird der Tempel bei einer Schlacht um Jerusalem von den Römern zerstört (um 73 ndZ).

In dieser Zeit entsteht die Mischna, sowie das Amt und der Begriff des Rabbiners. Gelehrten in der Mischna nennt man die Tanaim.

Lektüre des zweiten Teils der Geschichte vom Schlangenofen

Es wird der zweite Teil der Geschichte vom Schlangenofen gelesen.

Eine Studentin fragt, wer nun die Wunder vollbringt. Dr. Miller berichtet, dass die späteren Talmudgelehrten von den Wundergeschichten an sich wenig hielten. Maimonides etwa sagte, dass alle beschriebenen Wunder symbolisch gemeint waren.

Die Gemara, in der die Geschichte über den Schlangenofen zu finden ist, wurde um 500 n.d.Z. zusammengeschrieben, also etwa 300 Jahre nach dem Leben und Wirken der Protagonisten. Die Geschichte über den Schlangenofen stellt eine Erzählung eines Rabbiners zum Themenkomplex Kränkung dar, der damit die Norm aus der Schrift illustriert, die die Kränkung als solche ächtet. Die Tore des Himmels stehen nur an Yom Kippur offen. An allen anderen Tagen sind sie verschlossen. Dass die Tore der Kränkung immer offenstehen bedeutet, dass Kränkung unter allen Umständen zu vermeiden ist.

Der „historische“ Gehalt dieser Geschichte liegt im Streit zwischen den beiden Rechtsschulen, die in der Tanaiterzeit bedeutend waren: Die eher pragmatische Schule von Hillel, und die eher radikale Schule von Schammaj. Elieser hing der Schule von Schammaj an. Durch seine Vertreibung hat Gamliel also die Spaltung, die das Judentum gefährdete, verhindert. Daher hatte der See sich beruhigt. Da er aber trotzdem Elieser damit gekränkt hatte, starb er nach dem entsprechenden Ritual seitens des Elieser.


9. Juli 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

I. Referat: Auslieferungsrecht im jüdischen Recht

1. Allgemeines zur Auslieferung

Wenn eine sich im Inland aufhaltende Person in einem weiteren Land zwecks Strafverfolgung gesucht wird, kann dieses Land das Aufenthaltsland um die Auslieferung dieses mutmaßlichen Verbrechers anfragen. Sofern es ein solches Abkommen gibt, ist eine Auslieferung möglich. Falls diese Personen mangels Abkommen nicht ausgeliefert werden sollen, können sie für im Ausland begangene Straftaten auch im Inland belangt werden. So wird sichergestellt, dass Verbrecher nicht straflos davonkommen, indem sie einfach eine Landesgrenze überqueren.

2. Auslieferungsrecht in Israel

Wie viele andere Länder liefert Israel seine Staatsbürger grundsätzlich nicht an andere Länder aus. Daraus entsteht ein Problem, da israelisches Einwanderungsrecht jedem eingereisten Juden den Anspruch auf die israelische Staatsbürgerschaft zugesteht – Dr. Miller gab das Beispiel eines französischen Wirtschaftskriminellen an, der nach Israel ausreiste und sich dort sogar in das Parlament wählen ließ. 1978 wurde dem Abhilfe geschaffen: laut der neuen Regelung dürfen diejenigen Israelis ausgeliefert werden, die zur Tatzeit noch keine israelische Staatsbürgerschaft besaßen. (http://www.jlaw.com/Articles/extradition_in_jewish_law.html)

3. Menachem Elon

Menachem Elon war ein Richter beim obersten Gerichtshof in Israel. Als gebürtiger Düsseldorfer und ein sehr frommer Mann ist Elon der Meinung, dass der Talmud und das jüdische Recht vom Staat Israel adaptiert werden sollte. Mit seinem Aufsatz möchte er zeigen, dass selbst Regelungen für etwas so modernes wie das israelische Auslieferungsrecht sich aus dem jüdischen Recht ableiten lassen: Die von Knesset gesetzten Rechtsnormen sind nach seiner Auffassung die gleichen, wie diejenigen, die sich aus einer konsequenten Interpretation des jüdischen Rechts ergeben.

Dazu sind vor allem zwei Torastellen einschlägig:

- Deuteronomium 23:15-16 „Du sollst einen entflohenen Sklaven, der vor seinem Herrn bei dir Schutz sucht, seinem Herrn nicht ausliefern. Bei dir soll er wohnen dürfen, in deiner Mitte, in einem Ort, den er sich in einem deiner Stadtbereiche auswählt, wo es ihm gefällt. Du sollst ihn nicht ausbeuten.“ – Diese Norm stellt ein „Grundrecht auf Asyl“ dar, das die Tora damit garantiert.

- Exodus 21:14 „Hat einer vorsätzlich gehandelt und seinen Mitbürger aus dem Hinterhalt umgebracht, sollst du ihn von meinem Altar wegnehmen, damit er stirbt.“ – Diese Norm schränkt das obige Grundrecht ein: Mördern soll selbst am Altar kein Asyl gewährt werden.

Die Tora sagt damit also, dass einem Flüchtling Asyl zu gewähren ist, ein Verbrecher hingegen auszuliefern ist. In späterer Zeit sollte der Mörder nicht mehr direkt dem Tode zugeführt werden, sondern einen fairen Prozess bekommen.

4. Auslieferung der Juden an ungerechte Obrigkeit

Unter den Römern wurden die Juden verfolgt und gelegentlich auch ohne jeden Prozess hingerichtet. Eleasar ben Simon übergab seine Glaubensbrüder an die Römer. Ein Rabbiner kommentierte es wie folgt: „Du Essig, Sohn des Weines, wie lange willst du das Volk Gottes noch dem Henker ausliefern?“

Eleasar antwortete darauf: „ich entferne nur die Dornen aus dem Weinberg“,

Der Rabbi antwortete: „Lass den Besitzer von des Weines Berg kommen und dieses Unkraut beseitigen“. Damit wollte er ausdrücken, dass Eleasar nicht von Gott beauftragt gewesen sei, Leute auszuliefern. Diese Feststellung allein führt aber noch zu keiner Regel.

5. Tossefta

Zugespitzt findet man die Frage in der Tossefta. Die Geschichte handelt von einem gescheiterten Rebellen gegen König David. Die Stadt, in der er sich versteckt, wird von der königlichen Armee belagert. Der General gibt bekannt, dass die gesamte Stadtbevölkerung sterben muss, falls der Rebell nicht ausgeliefert wird. Letztendlich töten die Stadtbewohner den Rebellen und liefern seine Leiche aus.

Während diese Auslieferung selbst von den Talmudgelehrten in diesem Fall allgemein als rechtmäßig anerkannt wird, gibt es im Talmud eine Kontroverse bezüglich der Begründung. Die einen Rabbiner waren der Meinung, dass der Rebell ausgeliefert werden konnte, weil er als Rebell gegen den jüdischen Staat ohnehin den Tod verdient habe. Eine andere Meinung besagt, dass er auch dann ausgeliefert hätte werden können, wenn die Anschuldigungen gegen ihn nicht rechtmäßig wären. Um die ganze Gemeinde zu retten, kann man einen einzelnen opfern.

Ein weiteres wichtiges Tatbestandsmerkmal ist, dass die Truppen des Königs David nicht irgendeinen Stadtbewohner verlangten (etwa um einen Exempel zu statuieren) sondern den einen namentlich bekannten Rebellen und nur ihn. Eine Auslieferung ist nur in dem Fall rechtmäßig, wenn die eine Auslieferung fordernde Seite den Auszuliefernden schon a priori benannt hat.

6. Vereitlung der Verfolgung

Die Tossefta schildert allerdings eine Extremsituation, in der die gesamte Gemeinde zu Schaden kommen würde, ohne dass man den Verfolgten letztendlich hätte retten können. In Normalfällen muss man bis zu jenem Zeitpunkt, in dem man selbst in Gefahr kommt, versuchen, die unrechtmäßige Verfolgung zu vereiteln. Man darf alle geeigneten Mittel ergreifen, um einen solchen Verfolger (hebr. Rodeph) aufzuhalten, angefangen bei Argumenten über Körperverletzung bis hin zum Totschlag. Um den Verfolger aufzuhalten, darf man auch den Sabbat brechen.

Analog zur Behandlung des Verfolgers wird nach jüdischem Recht auch derjenige behandelt, der einen Juden an einen Verfolger ausliefert. Auch der Auslieferer (Mosser) muss zur Not mit dem Tod von seinem Vorhaben abgebracht werden. Juden dürfen grundsätzlich nicht an Nichtjuden ausgeliefert werden, es sei denn, der Verbleib des Juden in der Gemeinde gefährdet die selbige, wobei die Gefährdung weit ausgelegt wird und auch die Schädigung des guten Rufes der Gemeinde diese dazu legitimiert, etwa den Urkundenfälscher auszuliefern.

II. Schriftliche Quellen des jüdischen Rechts:

Es werden die schriftlichen Quellen des jüdischen Rechts abgefragt. Als erstes wird die Tora genannt. Sie besteht aus den fünf Büchern Mose, die am Berg Sinai offenbart wurden. In der Tora steht die Schöpfungsgeschichte, die Geschichte des jüdischen Volkes, sowie seine Gesetze und ethisch-moralische Normen.

Es gab und gibt sehr sehr viele Kommentare zu der Tora. Auch Dr. Miller schreibt solche. Wer sie lesen möchte, findet sie auf dem Forum Hagalil oder auf frag-den-Rabbi.

Früher hatte der Rabbi vor allem die Richterfunkion in der Gemeinde, nicht die eines Seelsorgers.

Die nächste Quelle wäre die Mischna. Dazu wird eine Lektüre ausgeteilt.

Nächste Woche werden einige der anderen Quellen besprochen.


16. Juli 2013

Protokollant: Anton Stortchilov

Referat: Lüge im Rechtsvergleich

Der Begriff der Lüge bleibt im jüdischen Recht an sich unerwähnt. Das Konzept lässt sich allerdings durchaus in wichtigen Rechtsbereichen wie beispielsweise dem Vertragsrecht, dem Strafrecht und dem Zivilprozessrecht wiederfinden.

Im Kaufrecht findet sich ein Verbot der Lüge im Tatbestand des Betrugs und in dem Grundsatz von Treu und Glauben. Beides ist auch dem deutschen Recht nicht unbekannt und lässt sich daher damit vergleichen.

a) Treu und Glauben
Im deutschen Recht gibt es allerdings im Gegensatz zum jüdischen das Trennungsprinzip. Das schuldrechtliche Verpflichtungsgeschäft wird von der Übertragung des Eigentums getrennt. Ferner gibt es das Abstraktionsprinzip: Ein Vertrag ist auch ohne den tatsächlichen Vollzug des Tausches gültig.

Im jüdischen Recht gibt es kein Abstraktionsprinzip: Der Erwerbsakt (Kinjan) muss stattfinden, damit der Handel rechtswirksam ist. Da dies für komplexe Termin- und Fernhandelsgeschäfte recht umständlich ist, entwickelte man den sogenannten Mantelgriff: so konnte der Verkäufer statt der Sache symbolisch ein Stück Stoff übergeben, um den Vertrag gültig zu machen. Der Verkäufer konnte damit die Ware liefern und dabei gewiss sein, dass sie auch abgenommen wird.

Darüber hinaus war eine Abmachung zunächst nur ethisch-moralisch, nicht aber rechtlich verbindlich. Eine Nichteinhaltung der Abmachung wäre moralisch verwerflich, aber rechtlich nicht einklagbar. Allerdings genügt es im jüdischen Recht nicht, sich formell korrekt zu verhalten. Man muss sich auch an ethische Gesetze, die „Rechtslinie“, das Billigkeitsrecht halten. Und nach diesem konnten die Rabbiner urteilen, dass sich die Gegenseite auch an die Abmachung zu halten hat.

b) Vorvertragliche und nebenvertragliche Pflichten
Im deutschen Recht gibt es vorvertragliche und nebenvertragliche Pflichten, so etwa die Aufklärungspflicht. Im jüdischen Recht gibt es auch nebenvertragliche Pflichten, die aber zunächst nur ethisch verbindlich sind. Man ist auch nach jüdischem Recht zum rücksichtsvollen Verhalten verpflichtet.

Allerdings kann auch hier der Richter nach Billigkeitsrecht entscheiden, wie schon im Protokoll vom 4.6.2013 ausführlich erörtert.

c.) Betrug
Im jüdischen Recht ist Betrug streng untersagt. Das dafür einschlägige Verbot findet sich im Lev. 25:14, „Wenn du deinem Nächsten verkaufst oder wenn du von ihm kaufst so übervorteilet nicht einer den anderen.“
Betrug wird im hebräischen „Onaa“ genannt. Darunter versteht man zum einen eine Übervorteilung beim Kaufpreis, zum anderen ein allgemein betrügerisches Vorgehen.

„Onaa“ bedeutet sowohl Betrug als auch Kränkung. Der zweite Teil der Geschichte vom Schlangenofen (vgl. Protokoll vom 2.7.2013) illustriert einen Fall von „Onaa“. Dadurch wird klar, wie hoch der spirituelle Gehalt des durch „Onaa“ gekennzeichneten Verhaltensunwerts ist.

Quellen des jüdischen Rechts

Es werden einige Texte über die Quellen des jüdischen Rechts gelesen und besprochen.

Was sind Gemara und Talmud?
Die Gemara ist eine um 500 n.d.Z. verfasste Sammlung der Kommentare zur Mischna. Es gibt eine in Palästina und eine in Babylonien entstandene Fassung. Man nennt sie den „Jerusalemer“ und den „Babylonischen“ Talmud. Der Babylonische Talmud ist vom intellektuellen Niveau her höher als der Jerusalemer Talmud. Der Jerusalemer Talmud wird nur als Ergänzung herangezogen, wo die Vorschriften des babylonischen Talmuds nicht eindeutig sind.

Was ist die Mischne Tora?
Mischne Tora, „die Wiederholung der Tora“, die auch als „das Buch der starken Hand“ bezeichnet wurde, ist ein Werk des in Spanien geborenen Rabbi Mosche ben Maimon, genannt Maimonides. In diesem Werk verzichtet er darauf, den talmudischen Diskurs wiederzugeben und präsentiert allein die Ergebnisse, ohne auf die Quellen seiner Entscheidungen im Einzelfall zu verweisen. Das Ziel war, ein allgemeines Gesetzeskompendium zu schaffen, welches das Studium des Talmuds für den Alltagsgebrauch des jüdischen Rechts überflüssig macht. Das Werk ist um 1170 bis 1180 entstanden und genießt immer noch eine hohe Autorität.

Was ist die Arba'a Turim?
Die Arba'a Turim, auf deutsch „vier Reihen“, wurde am Ende des dreizehnten – Anfang des vierzehnten Jahrhunderts vom im Rheinland geborenen und nach Toledo umgezogenen Rabbi Jakob ben Asher verfasst. Im Gegensatz zu Mischne Tora gibt dieses Buch kontroverse Diskussionen als solche wieder.

Was ist der Schulchan Aruch?
Schulchan Aruch bedeutet soviel wie „gedeckter Tisch“ und soll den Juden die Ausübung der Religion ermöglichen, ohne allzu viel Zeit in das Studium des Talmud investieren zu müssen. Es wurde in den 1550ern von dem im damals türkisch beherrschten Palästina lebenden Rabbi Josef Karo verfasst. Es basiert auf der Arba'a Turim.