Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Talmud - Kleinere Beiträge - Rechtsvorschriften und Gleichnisse

Talmud

Kleinere Beiträge

Rechtsvorschriften und Gleichnisse

"Rabbi Chissda sprach zu Rabbi Chama: Weshalb warst du am Abend nicht bei uns im Lehrhaus? Es wurden schöne Dinge erörtert." Mit diesen Worten beginnt die Gemara (Babba Kamma 20b) die Behandlung einer Rechtsvorschrift, die eine Verwandtschaft mit der "ungerechtfertigten Bereicherung" hat. Der Talmud gebraucht für diese Vorschrift die Definition "der eine hat einen Nutzen und der andere hat keinen Schaden". Die Frage, die die Gelehrten beschäftigte, war nämlich, ob in solch einem Fall derjenige, der einen Nutzen durch das Vermögen eines anderen erfährt, wobei der andere keinen Nachteil, also keinen Aufwand hatte, ihm diese Nutzung entgelten muß.

Den Anlaß zu dieser Diskussion gab eine Kuh. Im vorherigen Absatz war die Rede von der Kuh, die sich an einem öffentlichen Ort von fremdem Futter beköstigte. Nach der Halacha sollte ihr Herr eigentlich den Schaden nicht ersetzen müssen. Jedoch, sagen die Gelehrten, hatte der Besitzer der Kuh einen Vorteil, weil er eine Fütterung ersparte, und es sei verboten, vom Vermögen des Nächsten einen Nutzen zu haben, ohne dafür zu bezahlen.

Zurück zur obenerwähnten Frage. Zwecks Erörterung konstruierten die Gelehrten an jenem besagten Abend folgenden Fall: A wohnt im Hof des B, wobei B die Nutzung durch A nicht genehmigt, seinerseits aber den Hof nicht anderweitig nutzt und auch nicht zu vermieten beabsichtigt. A hat also einen Vorteil und B, wie die Gelehrten sagen, was schadet's ihm? (Man könnte an die Argumentation von Hausbesetzern in unserer Zeit denken!)

R. Chama meinte aber, daß diese Problematik von den Tana'iten in der Mischna bereits gelöst worden ist, und als R. Chissda nach der Stelle fragte, entgegnete ihm dieser: "Wenn du mir einen Dienst leistet, verrate ich's dir". R. Chissda nahm daraufhin den Schal des R. Chama und legte ihn ihm um. Nun zitierte R. Chama die Stelle in der Mischna: "Hat es die Kuh genossen, muß ihr Besitzer den Genuß erstatten". Diese Stelle half der Lösung der Problematik keineswegs, denn die Kuh hat einem anderen etwas weggegessen, was diesem einen Nachteil verursachte, ein typischer Fall der ungerechtfertigten Bereicherung. In dem Hof-Beispiel jedoch hat der Besitzer des Hofs keinen Nachteil. Es wäre auch zu schön, wenn eine Problematik in der Gemara durch einen Hinweis oder durch eine einzige Stelle ihre Lösung fände. Nein, so einfach ist es nicht. Die Gemara analysiert in der Regel jede rechtliche Frage kasuistisch, zieht viele Beispiele heran und versucht, eine allgemeine abstrakte Regel zu formulieren. Aber da die Gelehrten tatsächlich sehr klug waren, konnten sie fast in jedem Beispiel durch schlaue Argumente etwas Besonderes finden, was ihm seine Allgemeingültigkeit entzog. Es bleiben also zwei Seiten voller verschiedener Bespiele, die nur Einzelfälle lösen

Wir wollen uns mit einem dieser Beispiele beschäftigen.

A besitzt ein Grundstück, das von drei Seiten vom Grundstück des B umschlossen ist. B errichtet an der einen Flanke zum Nachbarn A einen Zaun. Dann errichtet er an der zweiten Flanke einen Zaun und schließlich an der dritten Flanke. Natürlich möchte B, daß sich A an den Kosten beteiligt. A ist jedoch dazu nicht verpflichtet, denn er kann sagen: "Ich habe diesen Zaun nicht gewünscht, und wenn B ihn errichtet hat, so ist es lediglich zu seinem Nutzen." Es ist also kein Fall der ungerechtfertigten Bereicherung, auch wenn man es eine aufgedrängte Bereicherung nennen könnte. Die Situation ändert sich, wenn A selbst die vierte Flanke seines Grundstücks einzäunt und es somit von allen Seiten schließt. Jetzt kann man sagen, daß A mit der Einzäunung durch B sehr wohl einverstanden war und sie auch zu seinem Vorteil nutzt, denn jetzt hat er ein eingefriedetes Grundstück. Durch diese nachträgliche Handlung hat A den Bau des Zaunes durch den Nachbarn gebilligt, und man verpflichtet ihn, sich an den Kosten zu beteiligen. Durch seine nachträgliche Billigung wird er nun verpflichtet.

Die Diskussion und alle Argumente Für und Wider können hier nicht wiedergegeben werden. Letzlich lautet die Halacha: "Hat der eine einen Nutzen und der andere keinen Schaden, ist die Nutzung ersatzfrei."

Das Zaun-Beispiel hat allerdings nicht zur Lösung der Problematik geführt. Es hat aber den Maggid aus Dubna (18. Jhdt.), den berühmten Wanderprediger, inspiriert.

In den Sprüchen der Väter (pirke awot) heißt es: Gegen deinen Willen wirst du geboren, gegen deinen Willen lebst du, gegen deinen Willen wirst du sterben und gegen deinen Willen wirst du für deine Taten Rechenschaft ableben müssen. Hierzu fragt der Maggid aus Dubna: "Wenn der Mensch gegen seinen Willen geboren wird und gegen seinen Willen lebt, warum soll er zur Rechenschaft gezogen werden? Er kann ja nichts dafür. Er wollte es doch nicht. Wo bleibt die Gerechtigkeit?" Und der Maggid beantwortet seine Frage: Es stimmt zwar, daß der Mensch gegen seinen Willen geboren wurde und gegen seinen Willen lebt. Aber, wie es weiter heißt, stirbt er auch gegen seinen Willen. Er will nämlich nicht sterben. Damit hat er zum Ausdruck gebracht, daß es ihm recht war, geboren zu werden und zu leben. Er hat diese Handlungen im nachhinein akzeptiert. Deshalb ist es auch gerecht, wenn er zum Schluß Rechenschaft abgeben soll. Durch seine nachträgliche Billigung wird er nun verpflichtet.

Eine weitere charakteristische Geschichte vom Maggid aus Dubna: Als er an einem Freitag Abend in einer fremden Stadt war, wurde er nach dem Abendgebet vom Rabbiner (wie es bei Juden so üblich war) zum Essen eingeladen. Vor der Wohnung ankommend sagte der Rabbiner: "Ihr kommt nicht eher hinein, bis Ihr ein Gleichnis erzählt habt." Daraufhin beklagte sich der Maggid: "Ihr macht es mit mir, wie jener Jude, der auf dem Jahrmarkt eine Kuh kaufte und sie nachhause brachte, wo sie jedoch keine Milch gab. Der Jude rannte zum Markt zurück und bezichtigte den Verkäufer, ihm eine kranke Kuh verkauft zu haben. Der Verkäufer fragte ihn: "Was hast du mit der Kuh gemacht?" Der Jude antwortete: "Nichts hab' ich gemacht. Ich nahm sie mit nachhause, wollte sie melken und sie gab keine Milch." So geht es nicht", sagte der Verkäufer. "Zuerst mußt du ihr Futter geben, dann mußt du sie ruhen lassen und erst dann kannst du sie melken".

Der Rabbiner verstand den Wink. Es ist nicht überliefert, ob er gelacht hat.