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JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

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Talmud - Kleinere Beiträge - Scheidung auf der Dachspitze

Talmud

Kleinere Beiträge

Scheidung auf der Dachspitze

Man stelle sich folgende Szene vor: eine Ehefrau steht auf der Spitze des Daches. Ihr Ehemann wirft ihr vom Hof aus die Scheidungsurkunde zu. Doch während die Urkunde durch die Luft fliegt, wird sie von einem Feuer erfasst und vernichtet. Ist die Ehefrau nun geschieden oder nicht?

Die Szene, die einem absurden Theaterstück oder einem Gemälde von Chagall entstammen könnte, ist Teil einer Talmuddiskussion über den Vollzug einer Ehescheidung (b Gittin 79 b), und durchaus eine ernste juristische Problematik. Worum geht es hier?

Das Jüdische Recht kennt die Ehescheidung seit frühester Zeit. Seit mindestens 600 v.d.ZR., als das Deuteronomium (des 5. Buch Moses) aufgefunden wurde,  konnte der Ehemann seine Frau nicht einfach durch verbale Äußerung wegschicken oder verstoßen, er musste ihr eine Scheidungs- oder Trennungsurkunde aushändigen: "Er schreibt ihr eine Scheidungsurkunde (sefer kéritut), gibt ihn in ihre Hand und entlässt sie aus seinem Haus“ (Deut. 24,1). Über den Inhalt dieser Urkunde kann man nur spekulieren. Eines kann man aber mit Bestimmtheit sagen, dass diese der geschiedenen Frau Rechtssicherheit gab. Denn sie bekam dadurch einen offiziellen, man könnte sagen freien Status. Sie konnte sich wieder verheiraten, sie konnte Rechtsgeschäfte für sich und im eigenen Namen tätigen. In gewisser Hinsicht war ihre rechtliche und vielleicht sogar ihre gesellschaftliche Stellung besser als früher. Nun war sie nicht mehr Eigentum eines Mannes (des Vaters, des Ehemannes, des Bruders etc), wie es im Orient allgemein üblich war und mancherorts noch heute ist. Für den Ehemann war eine Scheidung kein Problem, er brauchte sie in der polygamen Gesellschaft nicht nachzuweisen, um eine weitere Frau zu ehelichen.

Diese erwähnte Tora-Regel war sicherlich eine große Errungenschaft bezüglich der Rechte der Frauen und ein bedeutender Meilenstein in der Entwicklung des mosaischen Rechts. Es gibt keine Erkenntnisse darüber, wie die Scheidung bis zur Talmudzeit im einzelnen praktiziert wurde. Mit dem Beginn der Tana’iten-Periode (um 100 v.d.ZR.) beginnt die Zeit derjenigen mündlichen Überlieferung, die drei Jahrhunderte später kodifiziert wurde. Die Tana’iten und später die Amoräer diskutierten eingehend die Art, wie „die Scheidungsurkunde in ihre Hand“ gelangen muss. Entscheidend ist, meinten die Gelehrten, dass die Frau Besitz von der Urkunde erlangt, dabei muss sie sie nicht unbedingt in die Hand bekommen. Die Urkunde kann auch in ihrer Wohnung oder ihrem garten deponiert werden. Befand sich aber die Frau im Hause des Ehemannes und hat er ihr die Urkunde ins Bett gelegt – lag die Frau in ihrem Bett, wurde sie geschieden, lag sie aber in seinem Bett, wurde sie nicht geschieden. Der Ehemann konnte die Urkunde seiner Frau auch auf öffentlicher Strasse zuwerfen. Landete sie in einem Quadrat von vier Ellen um sie herum, dann war sie geschieden. (Ein Quadrat von vier Ellen auf öffentlichem Gebiet um einem Menschen herum, so eine bekannte talmudische Regel, gehört zu seinem ideellen Besitz. Alles, was sich in diesem Quadrat befindet, kann von ihm beansprucht werden, sofern es nicht das Eigentum eines anderen ist.) Der Tatbestand der Urkundeübergabe wurde von den Gelehrten auf alle möglichen Aspekte hin überprüft. Eigentlich haben sie nichts anderes getan, als das, was die heutigen Gesetzeskommentare ebenfalls tun. Sie bringen nämlich viele Beispiele, manchmal Hunderte, um zu demonstrieren, wie eine Norm von Gerichten und Kommentatoren ausgelegt wird.

Der anfangs geschilderte Fall der Frau auf der Dachspitze ist nicht so abwegig, wie er zunächst erscheinen mag. Der Talmud sagt dazu: Wenn das Feuer erst nach dem Werfen der Urkunde entbrannt ist, ist sie geschieden. Brannte das Feuer jedoch bereits vor dem Werfen, ist die Frau nicht geschieden. Die Logik dahinter: Wurde die Urkunde von einem bereits brennenden Feuer erfasst, so hatte der Ehemann offensichtlich keinen Wert darauf gelegt, dass sie ihr Ziel erreicht, vielleicht beabsichtigte er sogar das Gegenteil. Brach das Feuer andererseits aus, als sich die Urkunde in der Luft befand und fiel erst dem Feuer zum Opfer, nachdem sie den Verfügungsbereich der Frau erreicht hatte, war die Frau, wenn auch nur für den Bruchteil einer Sekunde, im Besitz der Urkunde, womit der Tatbestand der Überreichung erfüllt war. Gewiss, dieses Beispiel ist eine Extremsituation, aber solche und andere Beispiele geben dem Richter Orientierungshilfe, wenn er in einem ungewöhnlichen Fall zu entscheiden hat.

Die heutige Erörterung der Scheidungsbestimmungen und der Übergabemodalitäten der Scheidungsurkunde (Gett) ist nicht nur theoretischer Natur. Im Staat Israel wird die Ehescheidung von Juden laut staatlichem Gesetz vom Rabbinatsgericht vollzogen. Dieses wendet naturgemäß das Jüdische Recht an. Somit hat das Studium der Tora und des Talmuds nicht nur einen religiösen oder religionsgeschichtlichen Charakter. Das alte Recht findet Anwendung und „lebt“ weiter, auch in unserer Zeit, wobei man nicht vergessen darf, dass auch in den vergangenen Jahrhunderten das Recht jeweils den gesellschaftlichen Veränderungen angepasst wurde. So z.B. durch die Verordnungen des Rabbi Gerschom (Anfang des 11. Jhdts), der die Polygamie und  die Scheidung ohne Zustimmung der Ehefrau verbot. In neuester Zeit ist das Rabbinatsgericht an das Gleichberechtigungsstatut von Mann und Frau gebunden. Außerdem ist die Ehescheidung keine privatrechtliche Sache mehr; sie wird vom Gericht ausgesprochen. Zwar kann der Ehemann sich weigern, die Scheidungsurkunde der Ehefrau zu überreichen, und umgekehrt kann die Ehefrau sich weigern, diese entgegenzunehmen. In diesem Fall jedoch können die Rabbinatsgerichte Freiheitsstrafen von bis zu fünf  bzw. zehn Jahren verhängen.

Gabriel Miller