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JÜDISCHES RECHT

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Talmud - Kleinere Beiträge - Ehre, wem Ehre gebührt

Talmud

Kleinere Beiträge

Ehre, wem Ehre gebührt

Ist der Talmud männlich chauvinistisch? Diese Frage wird, nicht ganz zu Unrecht, oft von Frauen gestellt. Belege hierfür könnte man zur Genüge finden. Andererseits könnte man auch fragen, ob der Talmud feministisch sei, denn man findet in ihm zahlreiche Belege für äußerst zuvorkommende Verpflichtungen des Mannes der Frau gegenüber. Es verhält sich mit dem Talmud wie mit der Bibel, und es heißt richtig: Drehe und wende die Lehre immer wieder, denn alles ist in ihr enthalten. In der Bibel heißt es z.B., dass die Frau bitterer als der Tod sei (Prediger 7, 26) und der nach jüdischer Tradition selben Autor (König Salomo) sagt aber auch: „Wer eine Frau gefunden, hat Gutes gefunden“ (Sprüche 18, 22). Mit einer direkten Aussage, mit einem gezielten Zitat kann man der Sache nicht näher kommen. Wie auch sonst im Leben, verraten meistens die scheinbar nebenher und rein zufällig gemachten Äußerungen die Einstellung, die sich sonst nicht klar zu erkennen gibt.

In der Gemara (b San. 11a) wird das Interkalar-Jahr behandelt. Es wird also erörtert, wie das Schaltjahr bestimmt wird. Bis zum dritten Jahrhundert unserer Zeitrechnung wurde das Schaltjahr jährlich von den Gelehrten beraten und festgelegt. Bei der Beratung und Abstimmung durften nicht mehr als sieben Personen anwesend sein. Diese wurden vom Präsidenten des Synhedrions ausgewählt und zur Sitzung eingeladen.

Während der Erörterung der Regeln des Schaltjahres wird von einem Vorfall berichtet, der sich im 1. Jhd. ereignet haben soll (aufgezeichnet wurde der ganze Sachverhalt im 5. Jhd.): Einst verordnete R. Schimon b. Gamliel, dass man ihm am nächsten Morgen sieben Richter zum Speicher hinaufschickte, um das Schaltjahr zu berechnen und festzulegen. Am nächsten Morgen waren aber acht Personen gekommen. Das Quorum war überschritten und man konnte keinen Beschluss fassen. R. Schimon b. Gamliel war überrascht und sprach: „Wer unbefugt heraufgekommen ist, er gehe hinunter.“ Es meldete sich R. Schmu’el der Kleine mit folgender Entschuldigung: „Ich bin nicht gekommen, um an der Interkalation des Jahres teilzunehmen, sondern um zu lernen, wie das in der Praxis durchgeführt wird“. Daraufhin sagte R, Schimon b. Gamliel: „Setz dich, mein Sohn. Du bist würdig, dass jede Interkalation des Jahres durch dich erfolge.“ Damit beendet die Gemara den Bericht über diese Anekdote und man erfährt nicht, ob an diesem Tag über das Schaltjahr abgestimmt wurde. Es wird lediglich weiter mitgeteilt, dass in Wirklichkeit nicht Schmu’el der Kleine der ungebetene Gast war, „sondern ein anderer, und nur um diesen der Beschämung nicht auszusetzen sagte er es“.

Es ist offensichtlich, dass diese Anekdote nicht erwähnt wurde, um zur Klärung der Schaltjahrproblematik beizutragen. Der Grund ihrer Erwähnung ist nicht geheimnisvoll, wenn man Folgendes bedenkt: Die literarische Form der Gemara ist die einer fortgesetzten Diskussion und Unterhaltung. Die während der Jahrhunderte geführten Gespräche zwischen den Gelehrten wurden gesammelt und in einer gewissen Ordnung zusammengefasst. Bei den Diskussionen ging es nicht immer nur um Argumentationen, man erinnerte sich auch der verschiedenen Ereignisse, die einen Sachverhalt klären oder eine bestimmte Meinung unterstützen konnten, man erwähnte aber auch oft Vorkommnisse, die zur Klärung des Tatbestands keinen Beitrag leisteten, lediglich einem der Anwesenden gerade in den Sinn kamen und die er für erwähnenswürdig hielt. So findet man auch Texte, die ohne einen sachlichen Zusammenhang rein assoziativ sich in einer Kette von Anekdoten verlieren. Auch in diesem Fall verhält es sich so, dass einem der Gelehrten der Zwischenfall, den er vom Hören-Sagen kannte, einfiel und er ihn erwähnenswert fand. Entweder wollte er Schmu’el den Kleinen wegen seiner Großmut preisen, oder er wollte an dem Beispiel belehren, wie man sich als anständiger Mensch zu verhalten hat. Diese Anekdote zog weitere ähnliche hinter sich her, an die man sich bei der Gelegenheit nun erinnerte. Eine dieser Anekdoten kommt auf den Ausgangspunkt der vorliegenden Abhandlung zurück und soll hier eingehend besprochen werden.

„Einst kam eine Frau in das Lehrhaus des R. Me’ir und sprach: Einer aus eurer Mitte hat mich durch Beiwohnung geehelicht. Da stand R. Me’ir auf, schrieb ihr einen Scheidebrief und überreichte ihn ihr. Hierauf standen auch alle anderen auf, schrieben ihr Scheidebriefe und überreichten sie ihr.“ Diese Kurzgeschichte, die im hebräischen Originaltext lediglich dreißig Worte enthält, birgt mehr Information als es scheint. Die Absicht des Berichts ist eindeutig. Die Gemara belobigt das Verhalten von R. Me’ir und präsentiert es als beispielhaft. Nochmals zur Geschichte: Es kommt eine Frau in das Lehrhaus und behauptet, einer der Anwesenden sei mit ihr eine Ehe eingegangen. Was soll nun geschehen? Das übliche Verfahren nach dieser Behauptung wäre: zu ermitteln, wer der betreffende Mann, der Beschuldigte, ist und ihn zu veranlassen, entweder sich zur Ehe mit der Frau zu bekennen, oder sich von ihr scheiden zu lassen. R. Me’ir nimmt an, dass der Betreffende sich auf eine Ehe nicht einlassen wollte (da sonst die Frau nicht hätte kommen und sich beklagen müssen), um aber die öffentliche Erörterung zu vermeiden und den Unbekannten der Peinlichkeit oder „Schande“ nicht auszusetzen, schreibt er der Frau einen Scheidebrief. Die anderen Anwesenden im Lehrhaus, die natürlich wussten, dass es nicht R. Me’ir war, der der Frau beigewohnt hatte, folgten seinem Beispiel und stellten ebenfalls Scheidebriefe aus. Einer dieser Scheidebriefe stammte vom Beschuldigten; die Frau war geschieden und der „Ehemann“ unerkannt geblieben. Eine wahrhaftig noble Geste des R. Me’ir! Nun sollte man aber der Geschichte etwas mehr auf den Grund gehen. Wie kann oder muss sich alles zugetragen haben?

Ein Gelehrter oder Jünger eines Gelehrten (Talmid Chacham) geht zu einer Frau und verspricht ihr die Ehe, um mit ihr zu schlafen; er meint es nicht ernst, so etwas soll ja gelegentlich vorkommen. Sie scheint eine keusche Frau zu sein, da sie ohne das Eheversprechen mit ihm nicht geschlafen hätte. Sie kennt das Gesetz und weiß, dass sie nun mit diesem Mann verheiratet ist. Der Mann kümmert sich nicht darum und will davon nichts wissen. Es gibt keine Zeugen für den Beischlaf (das ist in der Regel der Fall) und wahrscheinlich auch nicht für das Eheversprechen (sonst hätte es diese Komplikation gar nicht erst gegeben). Nun könnte die Frau alles auf sich beruhen lassen. Sie ist zwar enttäuscht, da aber kein Außenstehender von dem Vorfall Kenntnis hat, könnte sie weiterleben wie bisher. Sie will es aber nicht. Zwei Gründe könnten ihr Verhalten erklären: Laut Gesetz ist sie verheiratet, und ob es bekannt ist oder auch nicht, muss sie geschieden werden, wenn sie wieder heiraten will; der zweite Grund könnte darin bestehen, dass sie in Erklärungsnot käme, wenn sie bei einer Wiederverheiratung keine Jungfräulichkeit nachweisen könnte. Eines ist sicher: Ihre Beweggründe sind nicht materieller Art. Die Scheidung als solche bringt ihr keine finanziellen Vorteile. Das wäre nur dann der Fall, wenn sie eine Ketuba, eine Eheschließungsurkunde gehabt hätte.

Damit ist die Angelegenheit noch nicht ausreichend transparent. Man sollte das Augenmerk vielleicht weniger auf das Verhalten von R. Me’ir und vielmehr auf das der Frau lenken. Es ist nämlich keine Kleinigkeit für eine Frau, zumal eine anständige, sich in einem solch aufsehenerregenden Spektakel zu exponieren. Warum tut sie das? Da sie die Sache, wie eben erörtert, nicht auf sich beruhen lassen will, hätte man ihr nahegelegt, den Mann zur Rede zu stellen. Sie hätte ihn warnen können: Entweder wir vollziehen eine öffentliche Eheschließung, oder du lässt dich von mir scheiden, sonst gehe ich den äußersten Weg (den sie auch zum Schluss gegangen ist). Gehen wir davon aus, dass es sich mehr oder weniger so zugetragen hat. Wie reagierte der Mann? Er machte sich hierüber keine Sorgen und wollte nichts davon wissen. Da dieser Versuch der Frau erfolglos war, würde man ihr raten, ehe sie ihre Klage öffentlich bekannt machte, zu R. Me’ir zu gehen und ihm den Fall vorzutragen. Das Argument scheint überzeugend und angenommen sie geht diesen Weg und erzählt R. Me’ir ihre traurige Geschichte. Um ihr aber zu helfen, wozu er ja offenbar bereit ist, muss er den Namen des Mannes erfahren. Erst dann kann er ihm ins Gewissen reden und ihn zur Heirat oder zur Scheidung bewegen. Sie gibt den Namen des Mannes jedoch nicht preis. Sie will ihn nicht bloßstellen. Das ist wohl erwiesen, denn wäre dem nicht so, hätte sie seinen Namen auch im Lehrhaus bekannt gegeben.

Der neuzeitliche Talmudkommentator Steinsalz meint, dass die Frau den Namen des Mannes gar nicht kannte. Er legt die Worte der Frau „Einer aus eurer Mitte hat mich durch Beiwohnung geehelicht“ folgendermaßen aus: „Das bedeutet: einer schlief mit mir und sagte mir, dass er dies zum Zwecke der Eheschließung tut, und ich weiß nicht, wer es war, und sie will dass er sie entweder heiratet oder sich scheiden lässt.“ Diese Auslegung ist etwas weit hergeholt. Man wird bei einer üblichen Beweisführung kaum jemanden davon überzeugen können, dass eine Frau, die mit einem Mann geschlafen hat, nachdem er sie von seinen ehrlichen Absichten überzeugt hatte und sie in den Bund mittels eines Beischlafs einwilligte, nicht wissen soll, wer der Mann ist; darüber hinaus weiß sie, wo er zu finden ist, nämlich im Lehrhaus des R. Me’ir. Man kann also davon ausgehen, dass die Frau sehr wohl über die Identität des Mannes Bescheid wusste, sie diese aber weder R. Me’ir (sofern es ein privates Vorgespräch mit ihm gab) noch den Anwesenden im Lehrhaus gegenüber preiszugeben bereit war. Warum wohl?

Die naheliegende Erklärung, um nicht zu sagen die sichere, da man bei der Auslegung solcher Sachverhalte immer nur nach der Wahrscheinlichkeit verfahren kann, ist die folgende: Die Frau hat sich dem Mann in ehrlicher Absicht hingegeben, um von ihm geehelicht zu werden. Sie ist bereit und willig, mit ihm eine Ehe zu führen, aber wenn er nicht dazu bereit ist, so will sie von ihm geschieden werden. Sie ist jedoch nicht bereit, seinen Namen bekannt zu geben. Sie respektiert trotz allem seine Privatsphäre, will ihm keine Schande bereiten und ihn nicht in der Öffentlichkeit unmöglich machen. Offensichtlich hegt sie keinen Groll gegen ihn und hasst ihn auch nicht für das, was er ihr angetan hat, jedenfalls nicht dermaßen, dass sie ihn bloßstellen will. Wir haben es wahrscheinlich mit einer feinfühligen und altruistischen Frau zu tun, die großherzig genug ist, feindselige Gefühle (die eigentlich in diesem Zusammenhang zu erwarten wären) zu unterdrückten und einfach menschlich zu sein.

Die Berichterstatter oder Autoren der Gemara gehen selbstverständlich davon aus, dass diese Geschichte ein nachahmenswertes altruistisches Verhalten des R. Me’ir dokumentiert und ordnen sie in eine Reihe von anderen Ereignissen ein, in denen es darum geht, seinen Nächsten vor der Beschämung, Beleidigung, Peinlichkeit und Erniedrigung zu bewahren, ihn möglichst vor solchen Situationen zu schützen. In der Tat ist dies eine Tugend, die in der Gemara an mehreren Stellen hervorgehoben wird. In diesem besonderen Fall scheint es doch eher so zu sein, dass die betrogene Frau diejenige war, die beispielhaft gehandelt hat. Von R. Me’ir kann man allenfalls sagen, dass er nicht anders handeln konnte. Mit dem Erscheinen der Frau im Lehrhaus und ihrer Aussage zufolge musste R. Me’ir klar geworden sein, dass die Frau den Namen des betreffenden Mannes nicht preisgeben würde (sonst hätte sie ihn gleich genannt). Also handelte R. Me’ir sehr klug und erreichte für die Frau, worauf sie Anspruch hatte. Als ein besonderes Verdienst kann sein Handeln nicht gelten. Oder aber – und diese Frage ist die entscheidende für die Einstellung der Gelehrten zur Frau – übersieht die Gemara absichtlich die Verdienste der Frauen und übergeht ihrer Belobigung? Auch wenn diese krasse Formulierung etwas zu weit zu gehen scheint und die Verteidiger der Gelehrten mit Leichtigkeit viele Zitate vorlegen könnten, in denen die Rolle der Frau und ihre Tugenden herausgestrichen werden, so lässt sich doch mindestens das eine feststellen: Die Gemara wurde von Männern geschrieben, und es war nicht ihre Sache, sich in die Frauen hineinzudenken und nach ihren Motiven zu forschen. Und wenn dadurch die Frau an Ansehen verliert und der Mann stattdessen an Ansehen gewinnt, so hätten sich die Männer deshalb auch keine grauen Haare wachsen lassen.

Gabriel Miller