Zehngebote

JÜDISCHES RECHT

Forschungsstelle Marcus Cohn

Justitia
Schriftgröße verkleinern Trennstrichnormale Schriftgröße wiederherstellen Trennstrich Schriftgröße vergrößern

Suchen in dieser Webseite

Talmud - Kleinere Beiträge - Jeder ist sich selbst der Nächste

Talmud

Kleinere Beiträge

Jeder ist sich selbst der Nächste

Dieser Satz wird von den Menschen mit unterschiedlicher Bewertung gesagt. Der eine meint ihn spöttisch, der andere verständnisvoll, ein anderer sogar zynisch. Der eine meint damit sich selbst, der andere bezieht sich auf andere Menschen. Wie man auch immer zu diesem Spruch steht, eines ist unbestritten – es ist die menschliche Erfahrung, die in diesen Worten steckt. Das ist die Natur des Menschen, so ist er eben (und das ist gar nicht negativ gemeint). Nicht anders verhält es sich mit dem folgenden Spruch:

Diese beiden Sätze dienten Rawa, um ein Prinzip im jüdischen Recht zu begründen. Rawa (ca. 280 – 352). sagte nämlich:

Jeder ist sich selbst der Nächste, und kein Mensch stellt sich selbst als Böser dar, und deshalb kann sich kein Mensch selbst belasten. Mit anderen Worten: Wenn jemand vor einem Gericht aussagt, er habe eine Straftat begangen, gilt sein Geständnis nicht, und er wird nicht bestraft, solange die Straftat nicht von zwei Zeugen bestätigt wird. Diese Regel, so erstaunlich sie auch ist, wird von ihm nicht weiter begründet. Möglicherweise war die Begründung schon bekannt, oder es gab über diese Regel unter den Gelehrten einen Konsensus. Die Gemara zitiert den Spruch Rawas an sechs Stellen, ohne ihn zu diskutieren. Spätere Gelehrte wie Raschi und Maimonides suchten für diese Regel eine rationale oder theologische Begründung, jedoch stellten sie sie sich nicht in Frage.

Die Gelehrten gingen von folgendem Sachverhalt aus: In der Tora heißt es: Wenn es um Leben oder Tod eines Angeklagten geht, darf er nur auf die Aussage von zwei oder drei Zeugen hin zum Tod verurteilt werden. Davon konnten und wollten sie nicht abweichen, auch wenn sie gemerkt hatten, dass dieses Gesetz nicht immer den rechtlichen Anforderungen genügte. So wird auch in der Gemara berichtet: R. Schimon b. Schetach erzählte: Ich habe gesehen, wie jemand hinter seinem Nächsten in eine Ruine lief, und als ich ihm nachlief, traf ich ihn mit einem bluttriefenden Schwerte in der Hand, während der Erschlagene noch zuckte. Da sprach ich zu ihm: Ruchloser, wer hat diesen erschlagen, ich oder du? Was aber kann ich tun, da die Tora sagt ‑ auf die Aussage zweier Zeugen etc. Möge der aber, der die Gedanken kennt, diesen Menschen, der seinen Nächsten erschlug, bestrafen! Diese Situation ruft in jedem Menschen einen Widerstand hervor, da sie gegen das Gerechtigkeitsempfinden verstößt. Den Kompilatoren der Gemara ist das auch aufgefallen, und sie fügten der Geschichte folgende Schlussbemerkung hinzu: Man erzählt, ehe sie von dort fortgingen, sei eine Schlange gekommen und habe den Täter gebissen, worauf er starb.

In der Gemara wird folgende Möglichkeit erörtert: Wie ist der Fall zu beurteilen, wenn einer der beiden Zeugen der Täter selbst ist, wenn also der Beschuldigte gegen sich selbst eine Aussage macht, sich selbst belastet? Hier ging Rawa einen Schritt weiter als die Tora. Nach seiner Methode reicht es für eine Verurteilung nicht aus, wenn diese von der Aussage des Beschuldigten abhängt, da die Selbstbelastung nicht akzeptiert wird. Dabei fragt man sich: warum eigentlich? Was kann es für einen besseren Beweis geben, als ein Geständnis? Im Römischen Recht heißt es sogar: das Geständnis ist die Krone des Beweises.

Und doch! Sieht man sich die spätere Entwicklung des Rechts in Europa an, insbesondere die Vernehmungsmethoden der kirchlichen und auch weltlichen Inquisitionsgerichte, wo es darum ging, vom Beschuldigten auch mit Hilfe der Tortur ein Geständnis zu bekommen (schließlich ist ja das Geständnis der beste Beweis), erkennt man die Bedeutung der talmudischen Regel. Nicht dass die Gelehrten Propheten waren, aber die Gabe, das Unwahrscheinliche zu erahnen, mindestens die Gefahren, die von Menschen für Menschen bei der Anwendung von Rechtssätzen drohen, müssen sie gehabt haben. Es war ihnen offensichtlich wichtiger, keine Gefahren der Verletzung der Humanität einzugehen, als einleuchtende und dem Schein nach vernünftige Gesetze zu schaffen.

Man muss zugeben, dass diese Materie nicht unproblematisch ist. In allen modernen Rechtsstaaten (einschließlich Israel) ist das Geständnis zugelassen. Man muss auch zugestehen, dass die Gesetzgebung einen Schutz für den Beschuldigten eingebaut hat, da sie ihm ermöglichte, die Aussage zu verweigern. Der Angeklagte muss sich nicht selbst belasten; so ist es in Europa und Amerika seit der Zeit der Aufklärung (wobei die Vorkämpfer für dieses Recht in England und Amerika sich auf das Jüdische Recht beriefen). Man muss auch offen sagen, dass in manchen Fällen ein Straftäter ohne sein Geständnis nicht verurteilt werden könnte. Insofern ist die Regelung in unseren Rechtsstaaten durchaus sinnvoll und entspricht dem gesunden Menschenverstand.

Andererseits muss man ehrlich zugeben, dass auch im heutigen Rechtsstaat das Geständnis eines Beschuldigten nicht gar so selten gegen seinen Willen „erschlichen“ wird, oder dass er sich aus unterschiedlichen Motiven fälschlich selbst belastet. Für Rawa und seine Kollegen wäre die Vernunft des Rechtsstaates wahrscheinlich nicht vernünftig genug, jedenfalls nicht genügend human. Sie hatten offensichtlich eine andere Vorstellung von der Unantastbarkeit der Menschenwürde. Wenn man auch diesen Vorstellungen nicht immer folgen kann, man sollte sie sich vor Augen halten.

(Fundstellen: b Sanhedrin 25a, 9b und 10a; b Jewamot 25b; b Ketubot 18b)

Gabriel Miller