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Talmud - Kleinere Beiträge - Pflichten eines Ehemannes

Talmud

Kleinere Beiträge

Pflichten eines Ehemannes

Für junge Talmudschüler mag es ein Ersatz für erotische Literatur sein, wenn sie sich mit der Talmudlektüre beschäftigen, wie oft und unter welchen Umständen der Mann seinen ehelichen Pflichten nachkommen muss. Es ist für sie ein Quell der Belustigung, zumal sie es unter dem Vorzeichen von männlichen Privilegien betrachten. Die Weisen vor zweitausend Jahren haben dieses Thema keineswegs leichtfertig behandelt; sie diskutierten es kontrovers, wobei sie insbesondere die Belange der Frau berücksichtigten.

Den Gelehrten der Mischna (der Tanna’im des 2. Jhdt.) waren menschliche Bedürfnisse nicht fremd, und sie haben sich aus nahe liegenden Gründen der Bedürfnisse der Ehefrau angenommen, da sie der schwächere Teil in der ehelichen Gemeinschaft war. Die des Mannes waren in einer polygamen Gesellschaft nicht besonders eingeschränkt. Zur Regelung des ehelichen Verkehrs legten die Gelehrten genau fest, wie oft die Frau einen Anspruch auf diesen hatte. Die Überlegungen waren praktischer Art. Schwer arbeitende Männer oder solche, die lange Zeiten unterwegs waren (Seeleute, Eseltreiber), mussten seltener zu ihren Frauen kommen als „verwöhnte“ (wohlhabende) Leute. Es ging den Gelehrten nicht nur darum, der Frau Nachwuchs zu ermöglichen (was für das Prestige und für die wirtschaftliche Absicherung wichtig war), die Freude am Leben war ein ebenso legitimes Motiv. Es herrschte die Einstellung: Der Mann übernimmt mit der Eheschließung eine Verantwortung für Ehe und Familie, und dieser muss er gerecht werden. Wer seiner Verantwortung nicht nachkam, konnte auf Verlangen der Ehefrau zur Scheidung gezwungen werden, wobei er ihr die Ketuba, eine nicht geringe Abfindung, auszahlen musste.

Für die Gelehrten und ihre Jünger (talmide chachamim) sah die Regelung vor, allwöchentlich ihren Frauen beizuwohnen. Ferner hatten sie die Möglichkeit, zwecks Weiterbildung dreißig Tage ohne die Genehmigung der Ehefrau abwesend zu sein. Und obwohl generell Vertragsfreiheit herrschte, sahen es die Gelehrten nicht gern, wenn der Ehemann seine Frau „überredete“, ihm eine längere Abwesenheit zu genehmigen. Er sollte, wenn erforderlich, abwechselnd dreißig Tage zuhause und in der Ferne sein.

Zwei Jahrhunderte später waren die Amora’im, die Gelehrten der Gemarazeit, mit dieser Regelung nicht mehr einverstanden. Sie erklärten schlicht und ungerührt, dass ein talmid chacham auch zwei bis drei Jahre ohne Einverständnis der Ehefrau abwesend sein dürfe. Es ist nicht klar, warum die Gelehrten sich dieses Privileg absichern wollten. Zwar dauerte die Ausbildung eines Rabbijüngers manchmal mehrere Jahre, auch war der Weg zwischen den Zentren der Gelehrsamkeit Palästina und Babylonien mit dem Kamel oder dem Esel nicht gerade kurz, trotzdem ist es schwierig, hinter diese Logik (für welche die Talmudisten eigentlich berühmt sind) zu kommen. Es waren auch durchaus nicht alle an der Diskussion beteiligten Amora’im mit dieser Regelung zufrieden. Die Befürworter mobilisierten zu ihrer Unterstützung eine Legende aus dem zweiten Jahrhundert. Nach dieser Legende soll die Ehefrau von Rabbi Akiwa ihn für zwölf Jahre in die Lehre geschickt haben und nach Ablauf dieser Zeit für weitere zwölf Jahre. Man muss sich allerdings die Frage stellen, welchen Sinn solch eine Ehe noch haben soll, zumal für die Frau. Die Gemara berichtet auch von einem Rabbi, der zwölf Jahre in der Lehre war, dessen Frau aber nach seiner Rückkehr keine Kinder mehr bekommen konnte. Und selbst bei einer Abwesenheit von drei Jahren ist der Sinn einer solchen Ehe in Frage zu stellen. Die Kritiker dieser Regelung, die in der Minderheit waren (und die Halacha richtet sich bekanntlich nach der Mehrheit), haben ihrerseits mit einer Kurzgeschichte ihren Unmut zum Ausdruck gebracht:

Rabbi Chama pflegte jeweils am Vorabend des Jom Kipur von seinem Lehrer nachhause zurückzukehren. Einmal war er dermaßen in eine Frage vertieft, dass er vergaß, nachhause zu gehen. Seine Ehefrau stand vor dem Haus und erwartete ihn. Immer wieder sagte sie „bald wird er kommen, bald wird er kommen“. Als er dann doch nicht kam, schmerzte es sie und es kamen ihr die Tränen. In diesem Augenblick stürzte das Dach ein, auf dem sich R. Chama befand, und er kam zu Tode.

Was der Talmud hiermit klarmachen will, scheint: Auch wenn die Mehrheit einen frauenfeindlichen Beschluss gefasst hat, müssen diejenigen, die sich daran halten, mit einer göttlichen Strafe rechnen.

(Fundstelle: b Ketubot Kap. 5, Mischna 5)

Gabriel Miller