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JÜDISCHES RECHT

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Talmud - Kleinere Beiträge - Weshalb wurde Jerusalem zerstört?

Talmud

Kleinere Beiträge

Weshalb wurde Jerusalem zerstört?

Seit jeher galt die Zerstörung des Tempels und Jerusalems als das größte Unglück des jüdischen Volkes. Zur Erinnerung daran wurde sogar ein Fast- und Trauertag, der 9. Av, eingerichtet.

Im Talmud fand ich zehn verschiedene "Begründungen" für die Zerstörung Jerusalems (Schabbat 119 b; Baba Mezia 30 b; Gittin 55 b). Es fällt auf, dass nur einmal die Vernachlässigung der Pflichten gegenüber der Religion oder, wie es im Hebräischen heißt, "ben adam lamakom", zwischen Mensch und Gott, erwähnt wird, und zwar das Unterlassen des Gebets

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil man da das Morgen- und Abendgebet unterließ

Alle anderen Fälle beziehen sich auf Handlungen "ben adam lachawero", zwischen dem Menschen und seinem Nächsten.

In einem Fall heißt es:

- Jerusalem wurde nur wegen einer Beleidigung zerstört

Der Talmud beschreibt hier eine persönliche Beleidigung eines Individuums durch ein anderes Individuum. Das dargestellte Ereignis wie auch die Begründung sind etwas sonderbar und werden deshalb hier außer Betracht gelassen.

Die anderen acht Gründe sind aus dem sozialen Leben genommen und beschäftigen sich mit Fragen des täglichen Zusammenlebens der Menschen. Sie beziehen sich also auf die Missachtung mitmenschlicher und gesellschaftlicher Normen.

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil man den Schabbat entweihte

Die Zerstörung Jerusalems wegen der Entweihung des Schabbat muss als eine Strafe für die Störung des sozialen Friedens betrachtet werden und nicht als Strafe für die Missachtung sakraler Pflichten. Zum einen wurde der Schabbat in jener Zeit hauptsächlich als ein Ruhetag für alle Geschöpfe angesehen, außerdem betont die Gemara an dieser Stelle ausdrücklich, dass es wegen der Arbeit am Schabbat geschah.

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil man die Schulkinder vom Unterricht abhielt

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil man die Schriftgelehrten missachtete

Der Unterricht und die Lehrer spielten bereits damals eine wichtige Rolle in der jüdischen Geschichte, wobei man sagen kann, dass ohne eine Lerntradition (die Schulpflicht wurde bereits im 2. Jhdt. vor der Zeitrechnung durch R. Schimon ben Schetach eingeführt) das jüdische Volk kaum überdauert hätte

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil man einander nicht zurechtwies

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil es an gegenseitiger Schamhaftigkeit fehlte

Es ist offensichtlich schlimm, dass die Menschen sich nicht mehr schämten, Böses zu tun, wie es ebenso schlimm ist, wenn man sich nicht gegenseitig zurechtweist, wenn es also an Zivilcourage mangelt und fehlerhaftes Verhalten der Mitmenschen ignoriert wird.

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil sich da Klein und Groß ebenbürtig düngten

Die Gleichstellung von Klein und Groß wurde durch die Talmudgelehrten ebenfalls abgelehnt, wobei es ihnen vermutlich weniger darum ging, eine Klassengesellschaft und die sozialen Unterschiede zu zementieren, als wahrscheinlich mehr um die Kritik an einem Zustand, in dem die gesellschaftliche Ordnung durch Ellenbogenkarrieristen und anmaßende Kleingeister gestört wurde.

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil da keine Männer von Treu und Glauben mehr vorhanden waren

Wenn die Gelehrten von der Untreue der Männer sprechen, meinen sie den unanständigen Umgang in geschäftlichen Angelegenheiten.

- Jerusalem wurde nur deshalb zerstört, weil sie sich nach dem Recht der Tora richteten

Dieser Satz verdient besondere Aufmerksamkeit, scheint er doch auf den ersten Blick widersinnig zu sein. So fragt denn auch die Gemara mit einem erstaunten Unterton: Nach welchem Gesetz, wenn nicht nach dem mosaischen, sollten die Menschen sich denn sonst richten, etwa nach dem Gaunerrecht? Doch sie erklärt gleich, was mit diesem Satz gemeint ist: Die Menschen sollen sich nicht auf die Buchstaben des strengen Gesetzes berufen. Wo die Einhaltung des Gesetzes zu besonderer Härte führt (was in jedem Rechtssystem vorkommt), sollte man Milde walten lassen und im Sinne der Gerechtigkeit vom Gesetz abweichen. Tatsächlich haben die Rechtsgelehrten des Talmud die Institution Billigkeitsrecht geschaffen, "lifnim mischurat hadin" = abweichend von der Rechtsnorm, womit eine ethische Norm zum Rechtssatz geworden ist.

Eine weitere Stelle im Talmud, die ein negatives menschliches Verhalten in Zusammenhang mit der Zerstörung des Tempels bringt, finden wir im Traktat Jona 9 b. Da heißt es, dass der erste Tempel wegen drei Sünden zerstört wurde: Götzendienst, Unzucht, Blutvergießen. Der zweite Tempel wurde wegen grundloser Feindseligkeit, sin'at chinam, zerstört. Damit soll gezeigt werden, dass die Feindseligkeit (als Verstoß gegen eine ethische Norm) gleichgestellt wird mit den drei in der Tora genannten Kapitalverbrechen.

Es ist offensichtlich, dass die Rabbiner in der Talmudzeit (die ersten fünf Jahrhunderte der allgemeinen Zeitrechnung) in der Tradition der großen jüdischen Propheten standen, für die die soziale Gerechtigkeit mindestens ebenso wichtig wie der Gottesdienst war, wie etwa Jesaja 1, 11 ff: "Wozu mir die Menge eurer Opfer... lernet Gutes tun, trachtet nach Recht..."

Gabriel Miller